Mach jeden Tag zu deinem Abenteuer!

110 Kilometer zum Glück: Meine Wanderung entlang des Kungsleden in Schweden

Pressereise

110 Kilometer, 15 Kilo, 5 Tage und ein Snickers. Mit diesen Zahlen im Kopf und der Frage, ob es nicht doch besser zwei oder drei Snickers hätten sein sollen, begab ich mich auf meine erste längere Fernwanderung durch den Norden Schwedens. Der Kungsleden lag vor mir und damit eines meiner bisher größten Abenteuer. Ein Abenteuer, das ich zum ersten Mal ohne Sebastian meistern musste. Ein Abenteuer, dessen Ziel kein Ort, sondern ein Gefühl war.

Fjällräven Classic

110 Kilometer in 5 Tagen auf dem Kungsleden in Schweden

Fjällräven Classic

Ist man jemals bereit fürs Abenteuer?

Meine Aufregung wurde größer. Es war 7 Uhr morgens und ich verabschiedete mich von Sebastian, um kurz danach das erste Mal in vier Jahren allein durch die Sicherheitskontrolle zu laufen. Tatsächlich war Sebastian die letzten Jahre immer an meiner Seite und es gab kein einziges Abenteuer, das wir nicht gemeinsam bestritten. Unser erster gemeinsamer Roadtrip durch Westaustralien, die Walking Safari in Südafrika, Kanufahren samt Zelten in Kanada oder der Sprung aus dem Flugzeug in Neuseeland – wir haben alles gemeinsam erlebt.

Nur diesmal nicht. Diesmal stürzte ich mich allein ins Abenteuer. 110 Kilometer lagen vor mir. 110 Kilometer zu Fuß durch die wilde Einsamkeit Nordschwedens. 110 Kilometer in 5 Tagen. So wirklich vorbereitet war ich nicht auf diese Fernwanderung. Auch wenn ich ein paar Wochen zuvor eine dreitägige Hüttenwanderung in Südtirol gemacht hatte, war dies nochmals ein ganz anderes Abenteuer.

Statt abends auf einer urigen Hütte zu schlafen, musste ich es mir nun jeden Abend bei Wind und Wetter in meinem Schlafsack im Zelt gemütlich machen. Statt deftiges Schnitzel, selbstgemachte Knödel oder leckeren Kaiserschmarrn serviert zu bekommen, musste ich Trockengerichte aus der Tüte löffeln. Statt zu duschen, musste nun Babypouder und die dritte Schicht Deo ausreichen. Auf einmal kamen Zweifel auf. Würde ich es schaffen? War ich fit genug, hart genug im Nehmen? War ich wirklich bereit für dieses Abenteuer?

Aber dann schoss mir eine andere Frage blitzartig durch den Kopf: Ist man denn jemals bereit fürs Abenteuer?

Ich denke nicht. Denn das macht Abenteuer doch erst aus: Dass man, egal wie gut man sich vorbereitet, nie wirklich vorbereitet ist. Nie wirklich weiß, was passieren wird, weil so viel passieren könnte. Genau das ist der Nervenkitzel: Nicht zu wissen, wie etwas ausgeht, nur zu wissen, dass eine Menge Gänsehautmomente auf einen warten und dass man am Ende fast immer mit einem unbeschreiblichen Glücksfegüfhl überrant wird – ein Gefühl, das süchtig macht.

Mit diesem Gedanken im Kopf stieg ich grinsend in den Flieger.

Fjällräven Classic – ein Event für alle, die es lieben draußen zu sein

Dabei war ich nicht allein. In Stockholm angekommen, begegneten mir schon die ersten anderen Wanderer. Ganz offensichtlich trugen sie ihren Trekkingrucksack auf dem Rücken oder Anziehsachen von Fjällräven. Es stand nämlich ein ganz besonderes Ereignis an: der Fjällräven Classic. Nicht nur ich, rund 2.000 andere Draußgänger machten sich in diesen Tagen auf den Weg in die nördlichste Stadt Schwedens nach Kiruna, um den Kungsleden gemeinsam zu bestreiten.

2.000 Menschen aus aller Welt. 2.000 Menschen, die die Natur und das Abenteuer genauso sehr liebten wie ich. Denn genau das ist die Idee hinter dem Fjällräven Classic: Gleichgesinnte zu einem unvergesslichen Abenteuer zusammenzubringen und gemeinsam das Draußensein zu feiern. Gemeinsam Gänsehautmomente zu kreieren. Gemeinsam Geschichten zu erleben, die auch in vielen Jahren beim Zuhören noch für gespannte Gesichter sorgen.

Dieses Jahr stand allerdings eine ganz besondere Gruppe im Fokus: Frauen!

Denn in den letzten Jahren haben nicht nur größtenteils Männer am Fjällräven Classic teilgenommen, sondern generell sind auf dem Kungsleden und auf den Wanderwegen dieser Welt mehr Männer als Frauen unterwegs. Genau das möchte Fjällräven ändern und dafür sorgen, dass sich auch wir Frauen mehr zutrauen und solche Abenteuer erleben. Und genau das ist der Grund, warum ich mich nicht mit Sebastian, sondern mit einer Truppe von 14 Frauen in dieses Abenteuer gestürzt habe. 14 Frauen, die sich nicht kannten. 14 Frauen, die gemeinsam lernen würden, was es heißt, ein Gast in der Natur zu sein, bei Regen mitten in der Wildnis zu essen und bei Minusgraden im Zelt zu schlafen. 14 Frauen, in denen ein echtes Abenteuerherz schlägt.

Gut vorbereitet mit Kaffee und Kanelbullar in der Hand

Auf diese Frauen traf ich das erste Mal am Nachmittag, nachdem mich ein Flieger voller Wanderer von Stockholm nach Kiruna brachte. Mit einer Tasse Kaffee und einem Kanelbullar, einer typischen schwedischen Zimtschnecke, in der Hand machten wir es uns gemeinsam ums Lagerfeuer in der Fjellborg Arctic Lodge gemütlich. In den nächsten Stunden sollten wir mehr über das bevorstehende Abenteuer erfahren. Neben Infos zum Kungsleden gab es allerhand hilfreiche Tipps zum Packen, Zeltaufbauen und wie man sich beim Wandern richtig kleidet.

Zudem wurden wir in Zweierteams aufgeteilt. Die nächsten 5 Tage sollte ich mir nicht nur das Zelt, sondern auch eine Rolle Klopapier mit Kathi teilen. Der erste Test für uns als Team stand auch gleich an: Gemeinsam bauten wir das erste Mal unser Zelt auf – und das unter den Augen der Profis von Fjällräven. Zum Glück war auch Kathi eine echte Abenteurerin und hatte bereits einiges an Erfahrung in Sachen Zeltaufbau, sodass unser Zelt innerhalb weniger Minuten 1A stand.

Es war mittlerweile Abend und es wurde ein wenig dunkler. Ich wusste nicht ganz, was mich mehr störte: Dass ich offensichtlich unterschätzt hatte, wie weit nördlich wir uns befanden, und bereits jetzt fror, oder dass ich schon mindestens sieben Mückenstiche an meinem Körper zählte.

Zum Glück bekamen wir von Fjällräven ein kleines Wanderpaket gestellt, das neben Campingequipment, Anziehsachen und Essen auch einen Anti-Mücken-Stick beinhaltete. Meine Rettung, auch wenn es für die ersten Stiche nun schon zu spät war.

Leicht packen ist gar nicht einmal so leicht

Nicht nur den Inhalt dieses Paketes, auch meine persönlichen Sachen wie Unterwäsche, Socken und Zahnbürste galt es nun clever in meinen Rucksack zu packen. Ich glaube, ich habe noch nie so lange zum Packen gebraucht, saß noch nie solange grübelnd vor meinem Rucksack, wie an diesem Abend. Eine ganze Stunde hielt das Dilemma an.

Reinpacken, rauspacken, umpacken, wiegen, neupacken.

Nach dem ersten Versuch wog mein Rucksack 18 Kilo. Viel zu viel für eine 5-tägige Wanderung und ehrlich gesagt viel mehr, als ich gerechnet hatte. So viel war nun doch gar nicht in meinen Kajka* drin? Gab es noch irgendetwas, worauf ich verzichten konnte? Die anderen hatten zwischen 14 und 19 Kilo, mein Rucksack gehörte eindeutig zu den schwersten in der Gruppe.

Ich ging nochmals alles durch, packte ein T-Shirt, extra Unterwäsche, ein Paar Socken, einen extra Pulli, Kosmetikkrams und jede Menge Essen aus, darunter zwei große Packungen Nüsse, diverse Müsli- und Schokoriegel, Teebeutel und und und. Ich stellte mich erneut dem kritischen Urteil der Waage, deren Zahlen nichts als die nackte Wahrheit zum Ausdruck bringen und bei den meisten Menschen für blankes Entsetzen und puren Selbsthass sorgen – besonders wenn man sich zwei Wochen lang in Südtirol von einem köstlichen 10-Gänge-Menü zum nächsten gefuttert hat.

Doch diesmal war es anders. Diesmal hätte ich die Waage glatt umarmen können vor Glück. Denn die Zahl, die sie mir anzeigte, machte mich fast schon stolz: 15 Kilo.

Dabei hatte ich fünf Akkus, Ladekabel und eine riesen Powerbank* für meine neue Canon 200D* dabei, damit ich auch wirklich jeden Moment in den nächsten fünf Tagen auf Bild und Video festhalten könnte. Allein die Technik wog also schon 1 Kilo und außerdem war mein Rucksackmodell etwas schwerer als das der anderen, die allesamt mit dem Abisko ausgestattet wurden. Somit gehörte mein Rucksack zu den leichtesten, wenn er nicht sogar der leichteste war.

Nach dieser Packtortur kamen wir nochmals alle fürs Abendessen zusammen. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass es die letzte richtige Mahlzeit vor der Wanderung war, jedenfalls schmeckte das Essen unheimlich lecker. Mit vollem Bauch sprang ich noch einmal kurz unter die Dusche und dann hundemüde ins Bett.

Es geht los: Die ersten 22 Kilometer stehen an

Viel zu früh riss mich das Gepiepe meines Weckers aus dem Schlaf. Dennoch war ich sofort hellwach – Adrenalin kennt eben keine Uhrzeit. Ich zog mich an, machte mich fertig und begab mich zum Haupthaus, wo nicht nur Frühstück, sondern eine aufgeregte, aber gleichzeitig gut gelaunte Stimmung auf mich wartete. Der Himmel war blau, die Sonne schien und es war angenehm warm. Besser hätte der erste Tag nicht starten können, mal abgesehen von den Mücken, die auch am nächsten Morgen noch fröhlich um mich herum schwirrten.

Unser Bus fuhr pünktlich um 6:30 Uhr los. Knapp eine Stunde lang dauerte die Fahrt zum Startpunkt des Fjällräven Classic in Nikkaluokta. Bereits nach wenigen Minuten entdeckten wir die ersten Rentiere auf der Straße, während die Landschaft immer wilder wurde. Plötzlich sahen wir einen bunten Haufen in der Ferne: Ein paar Hundert Wanderer warteten bereits darauf, loszulaufen. Für mich hieß es allerdings erst einmal Schlange stehen. Nicht nur ich, auch alle anderen wollten die letzte Möglichkeit eine richtige Toilette in den nächsten Stunden besuchen zu können nochmals ausnutzen.

Mit Hunderten anderen Wanderern auf matschigen Wegen unterwegs

9:00 Uhr, der Startschuss fiel. In mir machte sich ein aufgeregtes Kribbeln breit. “Es geht los. Ich mache das jetzt wirklich.”, sagte ich leise zu mir selbst und schon setzten sich meine Beine in Bewegung.

Die ersten Kilometer gingen über ziemlich matschige und teils sehr enge Wege. An besonders schmalen oder matschigen Stellen stauten sich die vielen Wanderer, insbesondere vor den Hängebrücken bildeten sich Schlangen. Zunächst ging der Weg durch eine Art Buschlandschaft und rechts und links wuchsen kleinere Birkenbäume. Dann wiederum öffnete sich die Landschaft und es machte sich eine Art Sumpfgebiet breit. Teilweise führte der Weg über zwei schmale Holzbretter und ich musste aufpassen, nicht daneben und in tiefe Matsche zu treten.

Mein Rucksack machte sich ganz schön bemerkbar und besonders der Hüftgurt verursachte mir Schmerzen. Wie sollte ich das die nächsten 100 Kilometer aushalten, wenn es bereits nach den ersten wehtut? Ein mulmiges Gefühl kam auf. Immerhin schien es meinen Füßen im wahrsten Sinne richtig gut zu gehen, trotz meiner ganz neuen und kaum eingelaufenen Wanderschuhe von HANWAG* und der noch nicht verheilten Blase an meiner linken Ferse, die ich aus Südtirol mitbrachte.

Die erste längere Pause verbrachten wir am Ladtjojaure. Noch immer schien die Sonne und es war so warm, dass ich mich im T-Shirt auf den Steg setzen konnte. Eine frische Brise blies mir vom See kommend ins Gesicht. Meine Füße kuschelten sich in warme Wollsocken. Herrlich.

Jede Pause, die über 10 Minuten ging, nutzten wir dazu unsere Schuhe auszuziehen und unseren Füßen für einen kurzen Moment Freiheit zu gewähren. Leider vergingen die Pausen gefühlt noch schneller als die Kilometer zu Fuß und so machten wir uns wenig später wieder auf den Weg.

“So weit kann es gar nicht mehr sein”, dachte ich und wurde kurz darauf eines Besseren belehrt. Wir hatten noch nicht einmal die Hälfte für heute geschafft, dabei war es bereits mittags. Wir marschierten nochmals für ein, zwei Stunden bevor die erste Mittagspause anstand. Die kleinen Birkenbäume wichen mehr und mehr einer weiten Graslandschaft und zum ersten Mal sah ich das Bild, das meinen Vorstellungen vom Kungsleden entsprach. Auch die Menschenmassen verteilten sich nun in einzelne kleine Wandergrüppchen und ich ging die ersten Meter tatsächlich mal allein.

Gourmetküche aus der Tüte löffeln

Wir setzten uns auf ein freies Stück Wiese. Wirklich Hunger hatte ich nicht, aber die nächste Möglichkeit für eine warme Mahlzeit hätte sich mir erst am Abend geboten – so lange wollte ich dann doch nicht warten. Also kramte ich in meinem Rucksack nach meinem Primus Gaskocher*, füllte den Topf mit Wasser, zündete die Flamme und wartetet. Keine zwei Minuten dauerte es, bis das Wasser zu sprudeln anfing. “Das geht ja fix”, murmelte ich und schüttete das kochende Wasser in die Tüte. Ein wenig umrühren und warten und schon verwandelte sich die staubige Substanz tatsächlich in ansehnliche Pasta mit Lachs, die noch dazu richtig lecker schmeckte. Kein Tütenfraß, sondern fast schon Gourmetküche – jedenfalls wenn man draußen unterwegs ist.

Während wir alle unsere Tüten leer löffelten, näherte sich langsam, aber sicher eine Wolkenfront. Es wurde schlagartig kälter und die ersten Regentropfen fielen auf die Erde. “Oh nein. Alles, nur kein Regen!”, war der Gedanke, der wohl jedem von uns durch den Kopf ging. Ich packte meine kleine Outdoor-Küche wieder ein und dafür meine Regensachen aus. Mit Regenhose, Regenjacke und Regenschutz für unsere Rucksäcke bewaffnet liefen wir weiter.

Wir liefen und liefen. Es regnete, hörte wieder auf und fing wieder an zu regnen. Irgendwann beschloss ich, meine Regensachen permanent anzulassen, auch wenn ich dadurch beim Laufen ganz schön schwitzte. Wir kamen an Bächen und Flüssen vorbei, vor uns in der Ferne die Berge, neben uns auch mal ein Wasserfall. Dann ging es wieder durch dichteres Gebüsch, links und rechts standen Zelte aufgebaut, mehr und mehr Menschen kamen mir entgegen und am Ende der zwei Holzbretter angekommen, sah ich sie endlich: die Kebnekaise Fjällstation!

Kebnekaise Fjällstation: der erste Checkpoint des Fjällräven Classic

Hier war unser erster Checkpoint für den Fjällräven Classic und hier machten wir wieder kurz Pause, zogen unsere Schuhe aus und stärkten uns mit Schokolade und den leckeren Kanelbullarn, die im großen Tipizelt neben der Hütte angeboten wurden. Zusammen mit Franzi setzte ich mich auf eine der mit wärmenden Rentierfell bedeckten Bänke im Zelt, schlürfte Kaffee, unterhielt mich ihr und aß währenddessen meine zweite und dritte Zimtschnecke.

Es war bereits nach 18:00 Uhr und wir noch immer nicht am Ziel. Denn anders als die anderen Wanderer entschlossen wir uns dazu, unsere Zelte etwas weiter hinter der Hütte aufzubauen. Um genauer zu sein, rund eine weitere Stunde Fußmarsch entfernt von der Kebnekaise Fjällstation.

Am liebsten wäre ich da geblieben. Da, wo es heißen Kaffee, richtige Toiletten und eben die mitunter besten Zimtschnecken, die ich je gegessen hatte, gab. Da, wo die Wildnis etwas zivilisierter war. Aber es brachte nichts, wir mussten weiter. Wir hatten ein Ziel. Und alles, was wir heute an Strecken schaffen würden, müssten wir morgen nicht zusätzlich zurücklegen.

Schlaflos in der Wildnis: die erste Nacht

Es war aber nicht unbedingt dieses durchaus überzeugendes Argument, das mich zum Weitergehen brachte, sondern diese atemberaubende Landschaft, die sich mir nach der Hütte offenbarte: ein weites, grünes Tal, dahinter die Berge und das Versprechen eines unvergesslichen Abenteuers voller Gänsehautmomente. Den ersten davon spürte ich genau in diesem Moment.

 

So kam es auch, dass ich nicht nur eine Stunde bis zu unserem heutige Ziel brauchte, sondern knapp zwei. Immer wieder blieb ich stehen, um diese unfassbare Schönheit wie ein ausgetrockneter Schwamm aufzusaugen, um mich selbst zu kneifen, zurück in die Realität zu holen, um zu begreifen, was ich da gerade erleben durfte.

Gegen halb 9 abends erreichte ich den Rest der Mädelstruppe, die ersten Zelte standen auch schon. Es war leicht windig und immer noch sehr hell, etwas, an das ich mich in den nächsten Tagen noch gewöhnen musste. Dafür hatte der Wind etwas Gutes: Er hielt die Mücken fern, sodass ich am zweiten Abend ganz im Norden Schwedens keine neuen Stiche bekam.

Die erste Nacht war unruhig. Die Helligkeit sorgte bei meiner inneren Uhr für Verwirrung, während mich die Luftmatratze immer wieder auf den Boden oder gegen Kathi rollen lies. Ich war wohl etwas zu enthusiastisch und hatte sie zu stark aufgeblasen. Irgendwann überkam mich dann aber doch die Müdigkeit und ich schlief ein.

Tag 2: Es wird nass und wild

In der Natur macht es mir nie etwas aus, früh aufzustehen, und auch an diesem Morgen hatte ich keine Probleme um 7 Uhr aus dem Zelt zu steigen. Auch wenn es draußen eher kalt und bewölkt war. Auf mich wartete schließlich Tag 2 der Wanderung und rund 24 Kilometer. Ich war aufgeregt und wollte am liebsten sofort losmarschieren.

Während ich mir ein warmes Müsli zum Frühstück zubereitete, liefen bereits die ersten Wanderer an unserem Zeltlager vorbei. Der frühe Vogel fängt eben den Wurm oder auch: Der frühe Wanderer hat den Weg für sich allein. Viel später als geplant, um 9 Uhr statt um 8:30, begaben wir uns endlich wieder auf den Weg. Zelt abbauen und Rucksack packen dauerte doch etwas länger als gedacht.

Die Landschaft war ab dem ersten Schritt beeindruckend und ich voller Motivation. In so einer Kulisse zu wandern ist nunmal ein echtes Erlebnis. Wir liefen nun in ein schmales Tal rein, dringen immer tiefer in die Berglandschaft ein. Nach knapp 30 Minuten zu Fuß die erste Überraschung: Ein junger Mann wartete an einem Tisch mit frisch gebrühtem und wirklich leckerem Kaffee auf uns – nun wurde mir auch schlagartig klar, warum man seine Tasse beim Wandern immer griffbereit haben sollte.

Die paar Schlücke heißer Kaffee, aber vor allem diese Menschlichkeit, die ich mehr und mehr erfuhr, dieses Gefühl der Verbundenheit zwischen Fremden, die sich ein Weg und das selbe Ziel teilen, machten mich glücklich. Ich spürte tiefe Dankbarkeit und eine mir sehr bekannte Zufriedenheit, die mich schon mehrmals auf meinen Abenteuern in der Natur überkam.

Bergauf, bergab über Fels und über Stein

Nun ging es leicht bergauf und der Weg wurde immer steiniger. Matsche, Pfützen und Holzbretter wichen mal kleinen, mal großen Felsen. Es wurde anstrengender und ich musste mich konzentrieren, immer auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern oder gar umzuknicken. Wir machten Pause auf einem Hügel, der Wind pfiff uns ums Gesicht.

Manchmal, da ist es gut, sich umzudrehen und zurückzuschauen. Denn dann sieht man, was man geschafft hat, welchen unglaublichen Weg man gegangen ist. Und genau das tat ich. Hier oben wurde mir erst bewusst, was für eine Strecke wir schon zurück gelegt hatten und wie schön dieser Flecken Erde war. Die Berge erhoben sich auf eine dramatische Weise aus dem Flachen Tal. Ich fühlte mich klein und demütig, meine Sorgen und Probleme waren hier unwichtiger als denn je.

Es ging weiter über Steine, leicht bergauf und bergab, bis wir zu einem Schneefeld kamen. Hier trennte sich die Gruppe: Die, die schneller gehen wollten, durften bis zum nächsten Checkpoint vorlaufen, der Rest ging im gemütlichen Tempo hinterher.

Ich fühle mich

Ich wollte weiter, wollte diese unglaubliche Landschaft in mich aufnehmen, wollte keine Zeit verschwenden und jede Sekunde nutzen, um ein Stückchen mehr von diesem magischen Ort zu entdecken. Also lief ich los, in meinem ganz eigenen Tempo, deutlich schneller als zuvor. Ich fühlte mich frei, wild, ich fühlte mich.

Vor mir öffnete sich nun ein weites Tal, eingebettet in schneebedeckten Bergen. Es fing leicht an zu tropfen, meine Regenjacke hatte ich bereits an, doch auf einmal regnete es richtig und der Wind ließ die Tropfen von vorne gegen mich knallen. Es hätte keinen Sinn gemacht, den Rucksack abzusetzen, die Regenhose rauszusuchen und anzuziehen. Ich wäre so oder so nass geworden und das war ich dann an den Beinen auch.

Anfangs ärgert man sich noch über den Regen, sobald man ein wenig nass ist, ist es auch egal. Und das war es mir dann auch. Ich marschierte weiter, gegen den Wind und Regen. Dafür sah ich nun in der Ferne eine kleine Hütte und eine Ansammlung von Menschen – das musste der zweite Checkpoint sein!

Im strömenden Regen: zweiter Checkpoint Singi

Ich holte mir meinen Stempel und einen Wrap mit Rentierfleisch, Kartoffelpüree und Preiselbeeren, wusste aber nicht so recht, ob mir diese eigenartige Kombination schmeckte oder nicht. Fast aufgegessen und vielleicht etwas spät entschied ich mich für letzteres. Ich war eben hungrig und meinen Gaskocher wollte ich bei diesem Regen nicht anmachen.

Es dauerte über eine Stunde, bis der Rest der Truppe komplett eingetrudelt war. Und dann die erste schlechte Nachricht: Zwei Mädels hatten solche starken Schmerzen, dass sie ihren Rucksack nicht mehr tragen konnten. Bereits jetzt waren wir schon zu einem echten Team zusammengewachsen, sodass sich alle anderen anboten, die Sachen unter einander aufzuteilen. Eine Dröhnung Schmerztabletten, eine Menge Tape und eine Massage später brachen wir wieder auf.

Die Landschaft hörte nicht auf, mir zu imponieren. Es ging immer weiter durch ein Tal, links und rechts die Berge, vor mir die Weite. Der Kungsleden hatte seinen Namen mehr als verdient: Er war wahrhaftig königlich und wunderschön.

 

Es ging über mehrere Brücken, die sich hängend über reißende Flüsse spannten. Alle paar Kilometer war ich ganz für mich allein und genoß die Einsamkeit. Doch so langsam wollte ich auch ankommen, wollte meine Wanderschuhe endgültig und nicht nur für 10 Minuten ausziehen. Rechts in der Ferne sah ich einen Gletscher und ein paar Meter später lief ich tatsächlich übers Eis. Der Weg zog sich und auch wenn ich weder Uhr noch Handy in der Hand hielt, spürte ich, dass es bereits spät am Abend sein musste.

Endlich sah ich ich sie, die Hütte und das Ziel des heutigen Tages: Sälka. Wir bauten unsere Zelte direkt neben dem Fluss und unterhalb eines Berges auf, zum Glück wehte auch heute leichter Wind, sodass mich nicht ganz so viele Mücken nervten. Was mich nervte war allerdings, dass ich von unserem Zeltlager noch ein paar Hundert Meter zum eigentlichen Checkpoint laufen musste, um mir einen Stempel abzuholen.

Es war 20:00 Uhr und meine Füße wollten einfach nicht mehr. Ich merkte wirklich, wie sie sich versuchten zu wehren, wie sie förmlich nach Ruhe schrieen. Aber es half nichts, der Stempel war Pflicht und auf Klo musste ich schließlich auch noch.

Eine klare Ansage und ein mulmiges Gefühl

Zurück im Zeltlager spürte ich gleich die komische Stimmung, die auf einmal in der Luft lag. Unsere beiden Guides Ann und Susanne wollten mit uns über den nächsten Tag sprechen und darüber, wie wir uns bis dato geschlagen hatten – schlecht.

Viel zu langsam waren wir die letzten zwei Tage unterwegs, viel zu lang hatten wir für die Strecken gebraucht. Für die 24 Kilometer von heute hatten wir inklusive Pausen knapp 12 Stunden gebraucht. 12 Stunden! Morgen stand der härteste Tag an: Wir mussten nicht nur 28 Kilometer zurücklegen, die längste Etappe während der gesamten Wanderung, sondern auch über den Tjäktja Pass laufen, der letztes Jahr zu dieser Jahreszeit unter einer dicken Schnee- und Eisschicht lag.

Ann und Susanne wurden deutlicher: Morgen würden wir alle in der Gruppe bleiben und ein Tempo gehen, das sie vorgeben würden. Ein Tempo, das keine Stopps für Fotos oder zum Umziehen erlauben würde. Ein Tempo, das ich auf Wanderungen noch nie gelaufen bin. Ein Tempo, das zuerst mein Feind war, dann zu meinem Verbündeten wurde.

Es sollte einen Kontrollpunkt geben, einen Punkt, an dem entschieden werden würde, wer die Etappe an diesem Tag zu Ende gehen dürfte und wer umkehren müsste – für wen es morgen ganz und gar vorbei wäre. Und die Entscheidung würde nicht bei einem selbst, sondern bei den beiden liegen. Es war kein schlechter Scherz: Der Hubschrauber war bereits für 11 Uhr am nächsten Tag bestellt.

Ich schluckte. Was, wenn ich es nicht schaffen würde? Was, wenn ich mich überschätz hatte, wen meine Euphorie nur eine Reihe an Adrenalinschubs war und keine echte Euphorie? Keine wirkliche Kraft und Freude, sondern eine reine Täuschung?

Ich musste an die vielen Dokus denken, die ich als Kind gerne geschaut hatte und daran, wie fasziniert ich von unserem Körper war, als ich das erste Mal erfuhr, dass Adrenalin eine körpereigene Droge ist, die sogar den größten Schmerz ausschalten kann. Was, wenn ich die ganze Zeit benebelt war?

War ich wirklich fit genug für diese Wanderung? Hatte ich wirklich genügend Kraft, genügend Biss, um den nächsten Tag durchzustehen? Bin ich überhaupt eine echte Abenteurerin oder habe ich mich schlichtweg überschätz, den Ernst der Lage nicht erkannt? Auch an diesem Abend legte ich mich ohne Abend gegessen zu haben ins Zelt und schlief mit einem unguten Gefühl ein.

Tag 3: Werden wir es alle über den Tjäktja Pass schaffen?

Er war soweit: Tag 3 und somit der härteste von allen stand an. Ich hatte nicht wirklich Hunger, zwang mir das warme Müsli aber dennoch rein. Alles war irgendwie anders an diesem Morgen. Es war klar, dass wir alle ein wenig Angst hatten, so deutlich konnte man die Anspannung in der Gruppe spüren. Wir liefen ganz pünktlich los und das Tempo war wirklich nicht zu unterschätzen.

Wir liefen so schnell, dass auch die kürzeste Verschnaufpause nicht möglich war. Sofort wäre eine Lücke entstanden und die gesamte Gruppe hätte warten müssen. So liefen wir alle stillschweigend und im Eiltempo weiter. Und weiter. Und weiter. Bis wir an einen See kamen – der Kontrollpunkt.

Hatten wir es in der angegebenen Zeit von einer Stunde geschafft? Wie ging es allen? Wie ging es den beiden Mädels, die gestern nur dank Schmerztabletten weiterlaufen konnten? Und vor allem, wie ging es mir?

Erstaunlich gut. Ich kam tatsächlich mit diesem schnellen Tempo klar, auch wenn ich mich noch daran gewöhnen musste, nicht stehen bleiben zu dürfen, wenn sich mir mal wieder ein atemberaubendes Fotomotiv präsentierte, was bei dieser Landschaft geradezu alle paar Meter der Fall war.

Es war auch gar nicht einmal so anstrengend, wie es die ersten Kilometer den Anschein machte – im Gegenteil: Einmal drin, war das schnelle Tempo fast schon weniger anstrengend als das Tempo, das ich sonst beim Wandern draufhatte. Mein Herzschlag und mein ganzer Körper passten sich ein und dem selben Rhythmus an. Ich fühlte mich eins, mein Körper und ich liefen an diesem Tag buchstäblich auf einer Wellenlänge.

Auch allen anderen ging es gut, selbst den beiden Mädels. Das Urteil von Ann und Susanne stand fest: Wir durften alle weiter laufen! Keiner freute sich offen über diese Entscheidung, aber jedem war die Erleichterung und auch ein gewisser Hauch von Stolz anzusehen. Mit einem wahrhaftigen Gefühl von Euphorie lief ich weiter, immer an zweiter Stelle direkt hinter Susanne.

Es ging in ein neues Tal hinein, das sich direkt auf den Pass zuschlängelte. Das Wetter war gut, es war bewölkt, dennoch schaffte es die Sonne vereinzelnd durchzudringen. Am Fuße des Passes angekommen, machten wir die erste längere Pause. Ich zog meine Schuhe aus, aß einen Apfel und einen Müsliriegel mit Schokoladenüberzug und genoß die wohltuende Wärme der Sonnenstrahlen, die auf mich fielen.

Es geht hoch auf den Tjäktja Pass

Schlagartig wehte ein kalter Wind und über uns zog eine dicke Regenwolke. Wir zogen unsere Regensachen und Schuhe an und beschlossen wieder loszulaufen, bevor sich das Wetter komplett drehen und so richtig ungemütlich werden würde. Bei leichtem Regen und kaltem Wind bestiegen wir den Pass. Ich hatte nicht nur mein Buff als Stirnband, sondern auch meine Handschuhe an.

Oben wartete ein kleines kreuz und eine Gruppe anderer Wanderer. Anders als zuerst angenommen, war dies aber nicht das Gipfelkreuz und der höchste Punkt noch nicht erreicht. Dahinter ging es nochmals ein Stückchen bergauf, der Weg war matschig, der Wind pfiff weiterhin. Es ging um die Ecke und da lag sie vor mir: die kleine Hütte hoch oben auf dem Tjäktja Pass.

Ich hatte es geschafft! Ich hatte den höchsten Punkt des Kungsleden erreicht! 1.140 Meter und dennoch war kein Ende in Sicht. Von hieraus ging es Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, Stunde für Stunde weiter.

Wir machten kurz Pause, ich gesellte mich der überaus netten Truppe von Primus, die von allen schon liebevoll Gourmetgruppe genannt wurden. Statt unzählige Tüten Real Turmat, schleppten sie nämlich richtiges Essen mit: Parmesankäse am Stück, mehrere Flaschen Wein und Schokolade vom Feinsten, die mir prompt angeboten wurde. Dunkle Schokolade mit Meersalz – nicht nur in solchen Momenten ein Genuss.

Wir lachten, genossen die Sonne und schauten auf das, was vor uns lag: eine ganz andere Landschaft, als bisher. Statt einem weiten grünen Tal, machte sich eine karge Mondlandschaft breit. Meine Gruppe lief weiter, ich verabschiedete mich von den Primus-Leuten und begab mich bergab.

Ein paar Meter ging es wieder über ein Schneefeld, bevor der Weg in einem Meer aus Steinen endetet. Zwar war eine Art Trampelpfad erkennbar und hier und da kamen wieder die schmalen Holzbretter zum Vorschein, aber ein richtiger Weg war nicht zu sehen. Die Strecke schien endlos zu sein und ich musste mich konzentrieren, nicht zu stolpern. Dennoch blieb das Tempo dasselbe: Schnell, ohne Pausen, aber dafür umso entschlossener liefen wir durch diese fremdartige Landschaft.

Spaghetti Bolognese und Brownies am Checkpoint

Es wurde wieder etwas grüner, rechts erschien eine kleine Hütte und vor uns standen mehrere Zelte: der nächste Checkpoint! Und neben einem weiteren Stempel, warteten hier auch Brownies. Es ist wie es ist: Die kleinen Dinge machen den Unterschied – und manchmal sind es die kleinen süßen Dinge.

Wir aßen zu Mittag, diesmal machte ich mir Spaghetti Bolognese und war mal wieder erstaunt, wie lecker diese Tütengerichte doch schmeckten. Meine Füße genossen indes ihre Freiheit, während das Wetter heute nicht entscheidungsfähig zu sein schien. Mal zeigte sich die Sonne, mal zogen dichte Regenwolken über uns und es kamen Schauer runter.

Es war an der Zeit, weiter zu gehen. Wir hatten es noch längst nicht geschafft. Die Landschaft war nun wieder grüner, Flüsse und Bäche schlängelten sich durchs Tal, das wechselhafte Wetter sorgte zwar für nicht ganz so gute Stimmung, zauberte uns dann aber mit einem riesigen Regenbogen ein Lächeln ins Gesicht.

Am späten Nachmittag machten wir erneut Pause und versteckten uns hinter einem kleinen Felsen vor dem zunehmenden Wind. Es war soweit: Mein einziger Snickers musste in diesem Moment herhalten. Diese kalorienreiche, Diabetes fördernde Zuckerbombe bestückt mit Erdnüssen ist besser als jeder noch so proteinreiche und gesunde Biomüsliriegel – machen wir uns nichts vor.

Auch ich musste mir in diesem Moment nichts vormachen. Ich hatte keinen Bock mehr. Ich wollte endlich ankommen. Aber vor mir lagen noch 7 Kilometer und eine Strecke, die sich bis ins Unendliche zog. Zwar hatte die Landschaft weiterhin Blockbuster-Potential, aber das war meinen Füßen egal.

 

Wann sind wir denn endlich da?

Die Gruppe zerteilte sich auf den letzten Metern: vorne die, die so eine Wanderung nicht zum ersten Mal machten oder zu der Sorte Mensch gehörten, die lieber etwas mehr leiden, damit es schneller vorbei ist, hinten die, deren Kräfte am Ende waren und deren Körper so langsam in den Generalstreik zogen, und in der Mitte ich.

Meine Füße waren platt gelaufen, es fiel mir immer schwerer, das schnelle Tempo einzuhalten. Die Gruppe vor mir verschwand langsam in der Ferne und einmal abgehangen, war es schwer, wieder aufzuholen. Anfangs versuchte ich es noch, dann gab ich irgendwann doch auf und lief so, wie ich eben konnte.

Die Station – das heutige Ziel – war bereits in Sichtweite, meine Motivation und meine Schritte wurden größer. Ich konnte es bereits spüren und an der Schutzhütte Alesjaure angekommen, war es nicht mehr nur ein Gefühl, sondern Gewissheit: Ich hatte mir auf den letzten Kilometern eine Blase gelaufen. Noch schlimmer: Die Blase befand sich an der Fußsohle hinten an der Ferse des linken Fußes. Jedes Auftreten schmerzte. Wie sollte ich so die nächsten zwei Tage überstehen?

Darüber könne ich mir dann morgen Gedanken machen, wenn es soweit ist, verdrängte ich meine Sorgen. Auch Susanne war der Meinung, wir sollten uns die Blase am nächsten Morgen nochmals anschauen und dann entscheiden, wie wir am besten vorgehen. Mir war kalt, ich humpelte noch ein letztes Mal zur Toilette und dann verkroch ich mich ins Zelt.

Tag 4: 18 Kilometer reinste Quälerei

Ich hatte die schlimmste Nacht von allen hinter mir. Heftiger Wind, Regen und die Erschöpfungen von Tag 3 ließen mich kaum schlafen. Genauso wenig machte mir das Wetter Lust auf den heutigen Tag. Es war bewölkt, alles war grau und der Weg vor uns sah wenig einladend aus.

Noch dazu gab es eine erschütternde Nachricht: Einem der Mädels ging es an diesem Morgen so schlecht, dass Ann und Susanne entschieden, dass sie nicht mehr weiter laufen dürfte. Während wir also den Marsch fortsetzten, wurde sie von einem Hubschrauber abgeholt und ans Endziel nach Absiko geflogen.

Bevor ich mich allerdings wieder in meine Wanderschuhe zwang, besuchte ich die Ärztin am Checkpoint, um mir Rat bezüglich meiner Blase zu holen. Wir diskutierten kurz, ob wir diese aufstechen sollten, entschieden uns aber schnell dagegen – die Infektionsgefahr war an dieser Stelle einfach zu groß. Stattdessen kam ein COMPEED-Pflaster drauf, das zusätzlich mit Tape abgeklebt und gestärkt wurde. Damit konnte ich nun loslaufen, auch wenn es wehtat.

Genau wie gestern, liefen wir heute im Eiltempo in einer Reihe, kein Stehenbleiben, kein Verschnaufen zwischendurch. Ehrlich gesagt war ich froh, dass wir in diesem schnellen Tempo unterwegs waren, denn an diesem vierten Tag wollte ich nur eins: ankommen.

Das Wetter machte keinen Spaß und zeigte sich von einer sehr fiesen Seite: Regen, Wind, Regen, Regen, Regen. Selbst die Sonne hatte keine Lust sich zu zeigen. Die ersten zwei Stunden ging es immer am Alesjaure entlang, dessen leicht türkise Farbe an manchen Farben bereits erahnen ließ, in was für einer Schönheit dieser riesige See bei gutem Wetter strahlen würde.

Nicht aber heute. Heute war alles grau. Nicht nur das Wasser und der Himmel, auch die Stimmung. Wir redeten kaum miteinander, sondern bissen die Zähne zusammen und setzten einen Schritt vor den anderen. Wir machten auch nur kurze Pausen und bei der zweiten merkte ich, dass es an meinem linken Fuß leicht feucht war.

Jeder Schritt fühlt sich an wie ein Nadelstich

Ich ahnte bereits, woran es lag: Die Blase war geplatzt, der unangenehme Druck verschwunden. Wir desinfizierten die Wunde, ein neues Pflaster kam drauf und es ging weiter. Nun spürte ich bei jedem Schritt ein Stechen, ähnlich wie ein kurzer, aber umso entschlossener Nadelstich. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren und wurde mit jedem Schritt besser darin.

Die Mittagspause zogen wir solange hin, bis es endlich einmal nicht regnete und wir einen halbwegs windgeschützten Platz fanden. Diesmal gab es für mich Chili Con Carne – genau das richtige an so einem Tag. Der See lag bereits einige Kilometer hinter uns, genauso wie ein paar Rentierzäune der Samen. Ein doppelter Regenbogen streckte sich vor uns von der einen auf die andere Seite. Die Landschaft war rau und heute zeigte die Natur einmal mehr, dass wir nur ihr Gast waren.

Mit neuer Energie versorgt marschierten wir weiter. Es ging ein wenig bergauf, wieder über Steine unterschiedlicher Größe. Ich guckte kaum nach oben, da ich mich so auf das, was vor meinen Füßen lag, konzentrieren musste. Doch der schlagartige Landschaftswandel machte sich auch so bemerkbar: Das weite Tal wich Bäumen und Sträuchern, es ging mehr und mehr bergab. Und mit jedem Schritt nach unten schmerzten auch meine Fußballen mehr und mehr.

Ich spürte nun eindeutig, dass ich schon seit vier Tagen auf den Beinen war. Meine Ballen übertrumpften nun in puncto Schmerz die aufgeplatzte Blase am Fuß, die ich schon lange nicht mehr spürte oder an deren stichelnden Schmerz ich mich mittlerweile wohl gewöhnt hatte. Ich überlegte, eine Schmerztablette einzunehmen, wollte den Weg aber ohne bestreiten.

Wir verließen das Gebüsch und kamen zu einer Art Lichtung. Hier machten wir noch einmal kurz Pause und genossen die Aussicht auf den Abiskojaure-See. Noch einmal müssten wir steil nach unten laufen und dann würden wir den Checkpoint und damit unser heutiges Ziel erreicht haben, versuchten uns Ann und Susanne zum Weitergehen zu motivieren – und es half.

Wir zogen wieder weiter, meine Füße schmerzten beim Runtergehen schlimmer denn je, aber auch diesen Schmerz ignorierte ich mittlerweile gekonnt. Ein kurzes Stückchen ging es nun richtig steil bergab und auf einmal stand ich wieder vor einer Hängebrücke – ich war endlich unten.

Pancakes mit heißen Kirschen und Sahne lassen jeden Schmerz vergessen

Wir füllten unsere Flaschen mit Wasser aus dem Fluss und liefen die allerletzten Meter bis zum Checkpoint Kieron. Endlich waren wir angekommen! Ich war so erleichtert, diese vierte, so undankbare Etappe endlich hinter mir zu haben. Und ich war überglücklich, denn diesmal gab es Pancakes für jeden und das nicht zu knapp: Gleich vier Stück, plus Sahne und heißen Kirschen legte man mir auf meinen Teller und schon war das Leid, der ganze Schmerz von heute vergessen.

Zudem war es noch früh. Da wir weiterhin das Tempo vom dritten Tag draufhatten, kamen wir bereits am Nachmittag gegen 16 Uhr an. Außerdem sah hier nicht nur die Landschaft anders aus, auch das Wetter war ein anderes. Zwar war es immer noch bewölkt, dafür kam aber auch immer wieder die Sonne durch.

Wir setzten uns in einen Kreis, aßen die Pancakes, tranken Jägermeister und sangen ein typisch schwedisches Sauflied. Es war der vierte Tag und wir schon längst keine Fremden mehr. Wir machten alle dasselbe durch, hatten uns schwitzen sehen, ungeschminkt und mit fettigen Haaren. Wir waren Freundinnen.

Nachdem alle ihr Zelt aufgebaut hatten, suchten wir ein geeignetes Plätzchen, sammelten Holz, zündeten ein Lagerfeuer und machten es uns drumherum gemütlich. Ein Flachmann ging rum und wir nippten abwechselnd am Whiskey und an einer heißen Tasse Tee. Wir erzählten Geschichten und lachten viel. Ein paar Stunden vergingen, bis sich die ersten zum Schlafen ins Zelt legten.

In dieser Nacht schlief ich wie ein Baby und das nicht etwa wegen des Alkohols – ich hatte kaum etwas getrunken –, sondern weil ich glücklich war. Einerseits glücklich über die letzten vier Tage und Erlebnisse, über meine neu gewonnenen Freunde und die vielen Geschichten, die ich mit nach Hause nehmen würde, anderseits darüber, dass ich es morgen endlich geschafft haben würde.

 

Tag 5: Die letzten 19 Kilometer bis ins Ziel

Beim Zeltabbau am nächsten Morgen wurde mir klar, dass ich nicht nur so gut geschlafen hatte, weil ich mich voller Glück erfüllt in den Schlafsack gekuschelt hatte, sondern auch, weil unser Zelt auf einem mosartigen Boden stand, der so weich wie die Matratzen in 5-Sterne-Hotels war – nur das ich die letzten vier Nächte unter Millionen von Sternen schlief.

Der Rucksack war gepackt, die Schuhe an und wir machten uns ein letztes Mal auf den Weg. 19 Kilometer standen heute an und das Wetter hätte nicht besser sein können. Nur ein paar Wolken zeigten sich am Himmel, die Sonne schien und es war wieder T-Shirt-Wetter warm. Auch an diesem fünften, letzten Tag, liefen wir wieder in einer Reihe im schnellen Tempo. Die Laune war gut, viel besser als in den Tagen zuvor. Wir konnten es eben alle nicht abwarten, ins Ziel zu laufen.

Die ersten Kilometer verliefen größtenteils über Holzbretter über Wiesen, durch Gebüsch und Waldabschnitte, immer entlang des Abiskojaure und teilweise leicht bergab. Wir machten ein paar Mal kurz Halt, zogen unsere Schuhe aus und genossen die Sonne. Die gute Laute stand jedem ins Gesicht geschrieben und auch ich war superglücklich und irgendwie auch ziemlich aufgeregt, dass wir es bald geschafft haben würden.

Mein Knie streikt auf den letzen Kilometern

Die ersten 10 Kilometer vergingen wie im Flug, doch auf einmal durchzog ein heftiger Schmerz meinen Körper. Mein linkes Knie war der Auslöser. Solche Schmerzen hatte ich zuvor noch nie erlebt und konnte deshalb nicht einschätzen, was genau nun nicht stimmte. Jedes mal, wenn ich einen Schritt bergab machte und mein Knie leicht beugte, schoss der Schmerz hoch.

Weil ich nicht wusste, was genau los war und weil es so wehtat, hatte ich Angst, dass mein Knie einfach umknickt und ich hinfalle. Ich war so kurz vorm Ziel, es waren nur noch fünf bis sechs Kilometer und ich konnte nicht glauben, was mir da gerade widerfuhr. Wir machten unsere letzte Mittagspause und ich erzählte Susanne von meinen Knieschmerzen. Sie fragte mich, ob ich es auf den letzten Kilometern noch aushalten wurde. Ich nickte.

Wir liefen weiter und der Schmerz kam immer öfters, wurde immer heftiger. Ich nutze vermehrt meine Wanderstöcke, um mich abzustützen, und belastete mein rechtes Bein stärker als das linke. Ich biss die Zähne zusammen, auch wenn ich genau wusste, dass jeder Schritt ein Fehler war und ich mich eigentlich hinsetzen müsste. Da war es wieder, das Adrenalin, das mir half, weiter zu gehen, nicht aufzugeben.

Auch die gute Laune, die Euphorie der ganzen Gruppe steckte mich an und lenkte mich von den Schmerzen ab. Wir machten ein letztes Mal Pause an einer Art Mini-Canyon, alle zückten ihre Kamera, alberten und sprangen herum. Ich hingegen machte mir Sorgen, so richtige Sorgen. Aber ich ließ mir nichts anmerken.

Wir schmierten uns alle zwei Matschstreifen ins Gesicht, um zu zeigen, dass wir ein Team waren: die Women On The Trail. Die Stimmung war super und es fühlte sich so an, als ob wir es schon geschafft hätten, dabei war das Ziel noch einen Kilometer entfernt. Wir liefen weiter, alle mit einem strahlenden Grinsen im Gesicht, alle total aufgeregt, ich mit Schmerzen.

Zurück in die Zivilisation

Wir verließen die Natur, liefen nun auf einer Schotterstraße unter eine Brücke hindurch und dann auf ein paar Häuser zu: Abisko lag vor uns. Der Schotter wurde zum Asphalt, die Zivilisation holte mich jetzt schon wieder ein, am liebsten wäre ich schnurstracks umgekehrt, zurück in die Wildnis, zurück ins Abenteuer.

Ich war traurig und glücklich zugleich. Ich wollte es endlich geschafft haben, aber gleichzeitig wollte ich, dass es noch nicht vorbei war. Ich wusste, ich würde meine Mädels vermissen, würde die Freiheit vermissen, würde mich nach der rauen Natur sehnen, sobald ich wieder in Hamburg landen würde.

Wir bogen um die Ecke, überall Menschen, Fahnen, Musik, Gelache – das Ziel lag genau vor uns. Wir marschierten in einer Einheit, immer zwei nebeneinander, in einer Reihe, neben mir meine Zeltnachbarin Kathi. Unsere Stimmen wurden langsam lauter, wir sangen “7 Nations Army” von The White Stripes. Auch wir kamen aus 7 unterschiedlichen Ländern und waren dennoch ein richtiges Team.

Das Ziel: Glück

Auf einmal war es soweit – der eine Moment, auf den wir alle hinfieberten, war gekommen: Wir liefen durchs Ziel und fielen uns sofort in die Arme. Ich konnte es nicht ganz fassen, war überwältigt von meinen Gefühlen, von der Freude, der Erleichterung und dem Stolz. Von all dem Frust und Schmerz, der mit dieser Sekunde vergessen war. Die Kälte, der Wind, der Regen, die schlaflosen Nächte – vergessen. Stattdessen pures Glück.

Ich versuchte meine Tränen zurückhalten und muss es auch jetzt noch, während ich diese Zeilen schreibe.

Es waren die besten 110 Kilometer, die ich bisher zurückgelegt habe. 110 Kilometer voller Abenteuer, voller Gänsehautmomente. 110 Kilometer an Geschichten und unvergesslichen Erinnerungen. 110 Kilometer mit einem ganz bestimmten Ziel: Glück.

Line
Line ist zwar ein Großstadtkind, fühlt sich in der Natur aber mittlerweile weitaus mehr zuhause als im trüb-grauem Häuserdschungel. Wenn sie sich nicht gerade mit Sebastian ins Abenteuer stürzt, findest du sie entweder im Reitstall, in einer finnischen Sauna oder in einem süßen Café am Laptop mit einem Flat White und einem leckeren Cheese Cake vor der Nase.
Line

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5 Kommentare zu „110 Kilometer zum Glück: Meine Wanderung entlang des Kungsleden in Schweden

  1. backpackinglavi on

    Das liest sich so spannend und aufregend und deine Bilder machen direkt Lust, auch dorthin zu reisen und diese Wanderung zu machen. Danke für diesen tollen Beitrag! Ich finde deinen Blog sehr inspirierend und habe mich nun endlich auch getraut, einen Blog zu starten. Aber muss mir noch einiges abgucken (gerade hinsichtlich Design und Aufmachung).

    Danke!! (Dein Podcast ist übrigens auch bereits auf meiner Abonnierliste)

    Liebe Grüße
    Lavinia

    Antworten
  2. Yvonne on

    Liebe Line, vielen Dank für diesen tollen Bericht. Ich habe mich dort so gut wieder erkannt. Wir haben vor kurzem eine Reise nach Kanada gemacht und „nur“ eine zwei-Tages-Tour zum Mount Robson, aber es war das aufregendste und anstrengendste, was ich bis dato gemacht habe an Wanderungen.
    Eine Frage blieb in deinem Bericht aber offen, wie geht’s deinem Knie? Ich hoffe, es geht dir wieder gut.
    Viele Grüße aus dem Rheinland.
    Yve

    Antworten
    • Line on

      Hi Yve,
      oh – zum Mount Robson wollten wir auch, haben es leider nicht mehr geschafft! Hat sich’s denn gelohnt? 🙂
      Mein Knie hat danach noch lange Zeit weggetan und ich musste ein paar Wanderungen absagen, aber nun scheint es sich wieder erholt zu haben. Es war einfach überlastet.
      Alles Liebe!
      Line

      Antworten
  3. Kira Schuster on

    Liebe Line,
    toller Bericht. ich wäre auch an einer geführten Wanderung dieser Art interessiert.
    Leider ist der Termin für 2018 schon ausgebucht. Hast du evtl. noch Empfehlungen für eine coole Wanderung mit Naturerlebnissen dieser Art in Europa, die auch geleitet ist und auf einem ähnlichem Niveau (evtl. gibt es sowas ja noch von anderen Anbietern, leider habe ich aber dies bezüglich nichts im Internet finden können). Ich freue mich über deine Profi Reise Tipps:)
    Für den Podcast übrigens auch einen Daumen hoch, eure Arbeit ist echt stark und hat mir schon viele längere Läufe versüßt.
    Liebe Grüße,
    Kira

    Antworten