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Nadodrze — Breslaus Schmuddelstadtteil wird hip

Anna hat mit der Unterstützung von Expedia sich die Zeit genommen und einen Gastartikel über Wroclaw a.k.a Breslau zu schreiben. Warst du schon dort?

Ein Stadtteil von Breslau, der an viele Gegenden im Osten Berlins kurz nach der Maueröffnung erinnert, ist ein Zufluchtsort für junge Polen und neugierige Europäer geworden. Cafés, Ateliers, Streetart — all das macht das grimmige Nadodrze zurzeit zum hippen Zentrum der Stadt. Eine Gentrifizierung ist allerdings noch nicht im Gange.

Bei einem Spaziergang durch Wroclaw (Breslau) fällt es einem schnell auf, hier muss sich viel getan haben. Sanierte Gebäude, recht viel Grün und saubere Straßen. Die Metropole in Niederschlesien hat schon vor dem Beitritt Polens zur Europäischen Union seine Altstadt so aufpoliert, dass sie in Sachen Biederkeit in einem Städte-Duell locker gegen München antreten könnte. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes strömen viele vor allem deutsche Reisende auf osteuropäischen Städtetrips in die Stadt.

Eine neue Generation übernimmt das Ruder

Seit ungefähr vier Jahren befindet sich in Wrocław Vieles im Wandel. Viele junge Europäer, die die Reiseplanung per Internet für sich entdeckten und von den günstigen Angeboten für den ehemaligen Ostblock ausgiebig Gebrauch machen haben sich in die Stadt verliebt. Sie kamen auf einer Reise, fanden es toll, kamen zurück, studierten, blieben, gründeten usw… Nun tragen sie dazu bei, dass die Hauptstadt Niederschlesiens ein internationales Flair bekommt — ähnlich dem Krakaus — und man Englisch auch außerhalb des Zentrums hört. Noch vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen. Diese Entwicklung ging/ geht an der jungen polnischen Generation natürlich nicht vorbei — sie profitiert davon, dass ihre Stadt floriert und gründet Start Ups, macht Lokale und Cafés auf, organisiert sich in sozialen Kollektiven.

Die Altstadt bekommt eine Verjüngungskur

Den Wandel bemerkt man an auch in der herausgeputzten Altstadt. Dort beziehen an prominenten Stellen Konzept-Cafés mit Retromöbeln und unverputzten Wänden die neuerdings öfter leerstehenden Lokalflächen. Ein bekannter Pub schließt, ein hippes Café mit sozialistischen Propagandapostern macht auf; ein kleiner alternativer Buchladen, in dem man in Vinyl reinhören, gute Graphic Novels lesen und Kaffee trinken kann, hat in einer der zahlreichen Seitengässchen bereits sein Nischenpublikum gefunden; eine ganze Etage in einem Altbauhaus mit riesigen Sälen voller Tand, die nur von Kronleuchtern und dem Schein antiker Lampenschirme beleuchtet werden, ist seit drei Jahren einer der Hotspots der sonst so eleganten Altstadt. Man merkt einfach das sich etwas in dieser Stadt tut?

Nadodrze — der Stadtteil mit Sendungsbewusstsein

Die Antwort liefert dieses kurze Filmchen:

Rewitalizacja Nadodrza from Lokietka5 on Vimeo.

Das „In“-Stadtteil, das derzeit in aller Munde ist und Wrocław Stück für Stück für sich einnimmt, heißt Nadodrze. Hier, auf der anderen Seite der Oder, auf die man über die zahlreichen Brücken Wrocławs gelangen kann, betritt man eine andere Welt. Wie eine Filmkulisse aus einem Weltkriegsfilm wirken die unzähligen heruntergekommenen Altbauten, an deren Außenfassaden man sogar noch die Wucht der Bombeneinschläge aus dem Zweiten Weltkrieg erkennen kann. Einige Altbauten wurden renoviert und schön hergerichtet, allerdings beherrschen die grauen und braunen Wohnruinen das Bild von Nadodrze, die an Friedrichshain und Prenzlauer Berg vor und kurz nach dem Fall der Mauer erinnern. Die Street-Art-Künstler lassen sich das nicht zwei Mal sagen und bemalen ausgiebig Häuserfassaden. Gentrifizierung? Hier ist nichts davon zu spüren. Noch. Die ganz junge Generation und die ganz alte koexistieren hier friedlich.

breslau

Ein Ort, der stolz auf sich ist

Die Künstler und Designer-welcher-Art-auch-immer zieht es schon seit geraumer Zeit in diesen Stadtteil, den es offiziell erst seit 1991 gibt und dessen Name grob übersetzt „an der Oder gelegen“ bedeutet. Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite sind auf einen Blick alle Orte vermerkt, die zum lockeren Kollektiv aus Kulturschaffenden gehören. Diese Menschen sind es, die aus Nadodrze heraus auch die Innenstadt langsam für sich erobern. In Nadodrze selbst gibt es nur eine dezent sichtbare „Szene“. Die Lokale sind lediglich für diejenigen sichtbar, die wissen, wo man sie findet; nicht selten läuft man an ihnen einfach vorbei, ohne sie zu erkennen. „Ruda Kita“ ist so ein Beispiel. Der ethisch korrekte Laden mit vielen Bio- und Fairtrade-Produkten ist für polnische Verhältnisse (abgesehen von Warschau, wo die Uhren anders ticken) untypisch. Hier gibt es einen angeschlossenen kleinen Garten, ein veganes Café und Werkstätten für DIY jeder Kategorie.

Nadodrze hat sehr großes Potenzial — es bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen der Stadt, den Stadtteil zu sanieren, erfolgreich sein wird und die Immobilienhaie davon abhält, hier ein zweites Prenzlauerberg zu schaffen.

Es erinnert einen sehr an Berlin – warst du schon einmal in Wroclaw (Breslau)?

 

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3 Kommentare zu „Nadodrze — Breslaus Schmuddelstadtteil wird hip

  1. Hanna on

    Vielen Dank für den tollen Beitrag über meine Stadt. Ja, du hast Recht – Nadodrze wurde zum Künstlerviertel geworden, in dem sich die meisten Street-Art-Kunstwerke, Cafes und ‚alternative‘ Werkstätte befinden. Ich freue mich sehr, dass Wroclaw/Breslau sich so rasch entwickelt.

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