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Podcast: Auszeit vom Job und Rückkehr nach Deutschland mit Nicole Bittger

Im heutigen Podcast geht es ausnahmsweise mal nicht um ein bestimmtes Reiseziel sondern um ein Thema was mich in letzter Zeit immer mehr beschäftigt: das Reisen und wiederankommen. Wir sind ja jetzt seit 5 Jahren in der Welt unterwegs und wechseln ständig den Ort. Zuletzt waren wir gerade mal zwei Tage auf Zwischenstopp in Deutschland und auf Dauer kann das ständige Reisen auch ziemlich anstrengend werden. Mir hat das Reisen sehr in meiner persönlichen Entwicklung geholfen aber immer öfter stelle ich mir die Frage ob das ständige Reisen so gut ist.

Nicole hat sich eine Auszeit von ihrem Job genommen und war sechs Monate unterwegs. Dabei ist sie immer mal wieder nach Hause gekommen um das Erlebte sacken zu lassen. Wie sie damit umgegangen ist und was sie auf ihrer Reise alles erlebt hat (zum Beispiel Skydiving) und was ihr unterwegs am meisten gefehlt hat, erfahrt ihr in dieser Podcast Folge.

Erfahre in dieser Episode:

  • Was am langen Reisen anstrengend sein kann
  • Wieso Reisen dich gelassener macht
  • Welche Alltagsdinge man in Deutschland nach einer Reise wieder mehr zu schätzen weiss

Shownotes zu dieser Episode:

Die komplette Folge zum Nachlesen:

Sebastian: Herzlich willkommen zu einer neuen Off The Path Podcast Folge! Heute sprechen wir über ein sehr spannendes Thema. Ein Thema, womit ich mich in letzter Zeit auch immer mehr beschäftige, und zwar über das Reisen und wieder ankommen. Line und ich überlegen auch immer wieder, ob das ständige Reisen eigentlich so gut ist. Reisen kann recht anstrengend sein. Das heißt, dass es manchmal sehr gut sein kann, wieder zurück nach Hause zu kommen. Deshalb habe ich heute Nicole als Gast. Sie ist verreist und wieder nach Hause gekommen. Nicole, herzlich willkommen!

Nicole: Hi, danke!

Sebastian: Du hast dir eine unbezahlte Auszeit von der Arbeit genommen und bist dann sechs Monate um die Welt getingelt. Was hat dich dazu inspiriert?

Nicole: Oh, gute Frage! Super viele Dinge. Eine Art von chronischem Fernweh seitdem ich ungefähr Anfang 20 war. Wir sind in meiner Kindheit und Jugend immer nur bis nach Dänemark gekommen mit der Familie, was ja wirklich ganz nett ist, aber auch ein bisschen langweilig. Als ich mit Anfang 20 mein erstes eigenes Geld verdient hatte, habe ich angefangen so ziemlich jeden Urlaubstag ins Reisen zu investieren, was vor allem ganz viel Richtung Europa ging, weil mein Gehalt auch nicht so fett war. Wobei ich im Nachhinein sagen muss: Europa ist gar nicht so günstig, ne? Und eigentlich wurde das mit jeder Reise immer schlimmer.

Am Anfang habe ich immer gedacht, mit jeder Reise müsstest du doch zufriedener sein und das Gefühl haben, du hättest etwas von der Welt gesehen und jetzt musst du gar nicht mehr los. Und genau das war nicht der Fall, sondern eigentlich bin ich von jeder Reise wieder gekommen und habe gedacht, jetzt will ich noch viel mehr machen. Irgendwann habe ich auch gedacht, die Urlaubstage reichen eigentlich gar nicht.

Das habe ich ziemlich lange unterdrückt, aber ich hatte in den letzten dreieinhalb Jahren nebenbei studiert, also Vollzeit gearbeitet und studiert. Dann war auch irgendwann das Energielevel ziemlich down und dann habe ich kurz vor der Abschlussarbeit gedacht “Verdammt! Wenn du fertig bist, musst du dir was gönnen und du musst weg.” Für mich ist die einzige Erholung die, weg zu sein.

Dann habe ich lange mit mir selbst gehadert, immer mal wieder auf meinen Lebenslauf geguckt und überlegt, ob diese fiese Lücke dann schlimm wird oder nicht oder ob das für meine Karriere gerade eine Katastrophe ist, weil ich auch gerade eine Förderung bekommen hatte und für ein Jahr das gemacht habe, was ich wirklich machen wollte. Und dann habe ich gedacht “Du bist Ende 20, Scheiß drauf! Du arbeitest wahrscheinlich noch 35 Jahre oder so. Das kannst du alles noch aufholen. Jetzt ist der Moment, wo du das machen musst”.

Es war das Bedürfnis etwas zu machen, was ich nur für mich mache und dem großen Wunsch des Reisens, auch mal länger und nicht nur für drei Wochen, nachzugehen. Das hat es ausgelöst.

Sebastian: Cool und dann bist du hingegangen und hast gesagt “Hey Chefin, hey Chef, es war alles schön und nett und ich mag euch echt gerne, aber ich muss mal weg.”

Nicole: Ja, genau so in der Art war das. Das stieß auf mittelgroße Freude. Ich glaube, ich habe meinen Job echt gern gehabt und man hat auch länger mit mir gerechnet. Die hätten mich schon gerne länger dort gehabt für die Position, aber schlussendlich haben sie es eingesehen, dass jemand der sagt “Das muss ich vor allem für mich machen”, dass man den nicht aufhalten kann.

Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich auch in das Unternehmen zurückkehren konnte. Insofern bin ich super safe gegangen. Das war auch echt cool. Und jetzt im Nachhinein sind sie alle super neugierig. Da kommt immer ein neidischer kleiner Blick, nach dem Motto “sie hat sich getraut, wie cool!” Sie wollen alle hören, wie es war und ich glaube eigentlich tickt das in ganz vielen von uns.

Sebastian: Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Du hast dir dann für sechs Monate eine Auszeit genommen und bist aber nicht – wie viele es sonst machen – am Stück verreist, sondern hast immer kleine Reisen zwischendurch gemacht und bist auf genau 100 Reisetage gekommen.

Nicole: Ganz genau. Das ist ganz lustig, ich habe das letztens mal ausgezählt. Das war gar keine Challenge, genau diese Tage zu erreichen. Ich wollte einfach so viel wie möglich reisen und habe aber vorher auch überlegt, wie ich es angehe. Ich hätte natürlich am Stück reisen können. Das wäre vielleicht manchmal sogar günstiger gewesen. Weil Zurückkommen heißt, man hat noch einen Flug oder noch eine Bahn oder was auch immer.

Aber in meinem Fall war es so, dass ich in den letzten Jahren auch viel auf Freizeit verzichtet habe, aufgrund von Studium und Job zeitgleich und dann sind Dinge nicht zustande gekommen, wie sich mal mit Freunden verabreden oder wirklich Zeit für die Familie haben, mal nicht, wenn man mal einen freien Tag hat gleich drei Verabredungen reinzuquetschen, sondern mal wieder nur eine zu haben und die einfach so lang zu ziehen, wie man gerade Bock drauf hat. Das hatte mir auch gefehlt. Es war also nicht nur das Wegsein, sondern es war auch Zeit haben. Und da habe ich für mich beschlossen, dass sechs Monate reisen sicherlich sehr, sehr geil sind, aber zwischendurch den Sommer in Berlin, der wirklich phantastisch war, mal genießen zu können und einfach mal mit Freunden zwischendurch zu treffen, eben auch sehr, sehr cool ist.

Zeitgleich bin ich außerdem in einer Beziehung, was die Sache mit den sechs Monaten am Stück Reisen schon ziemlich kompliziert gemacht hätte und um da gar keine Gefahr einzugehen, habe ich gleich gesagt, dann mache ich das mit ganz vielen Reisen und nicht eine große. Da war ich immer zwischen zwei bis gute vier Wochen weg. Das hat super geklappt.

Sebastian: Das verstehe ich so gut, weil Reisen kann auch anstrengend sein und wenn man dann immer mal nach Hause kommt und ein paar Tage Zeit hat oder eine Woche Zeit hat, um mal die Füße hochzulegen, sich zu entspannen, sich mit der nächsten Destination auseinanderzusetzen und nicht nur was Planung angeht, sondern auch im Kopf. Wenn man sechs Monate am Stück – wie du es geplant hattest – und das einmal am Stück abrattern will – du warst in Japan, in Grönland, wo warst du noch?  

Nicole: In China und in Belgien, Niederlanden, Frankreich, Schweiz und in Prag.

Sebastian: Cool! Wenn man so alles nacheinander abklappern würde, dann hat man überhaupt keine Zeit, um sich darauf vorzubereiten und sich darauf zu freuen, weil man immer mit dem was in der Vergangenheit war oder was gerade präsent ist oder man ist so weit in der Zukunft, dass man die Gegenwart beim Reisen gar nicht so sehr genießt. Deshalb finde ich das, so wie du das gemacht hast, mit dem immer wieder nach Hause kommen, sich mit Freunden treffen, den Partner auch sehen und sich immer wieder Zeit zu lassen vor der nächsten Destination eigentlich eine sehr, sehr gute Sache. Hat es sich auch so gut angefühlt.

Nicole: Ja und nein. Mit dem einen hast du komplett recht. Das ganze mal sacken lassen zu können und sich dann auch im nächsten Land wieder voll drauf einlassen zu können. Ich glaube, das geht echt besser, wenn man zwischendurch mal zuhause ist. Man erzählt es auch wieder ein paar Leuten, man hat auch Zeit die Fotos zwischendurch schon einmal auszusortieren und hat nicht nachher so ein riesen Datenchaos, aber was auf jeden Fall schwierig ist tatsächlich, zu glauben, dass das entspannter wäre.

Das kann ich für meinen Fall nicht bestätigen, weil ich dann auch so viel wieder in Berlin unterwegs war und mich so viel verabredet hatte, dass der Stress hier fast größer war als auf Reisen. Positiver Stress natürlich und das hat auch super Spaß gemacht, aber die Beine hochgelegt habe ich tatsächlich super selten. Nichtsdestotrotz war das klasse, einfach auch die Zeit für die Freunde zu haben.

In einem halben Jahr passiert auch unheimlich viel. Ich bin persönlich in einem Alter, wo alle um mich herum Kinder kriegen und wenn man dann ein halbes Jahr nicht da ist, dann verpasst man auch ganz viel. So war das für alle Freunde glaube ich auch ganz cool dabei sein zu können, weil ich zwischendurch immer mal was erzählt habe und auch dass ich aus ihrem Leben nicht so wirklich raus bin. Das war schon echt gut.

Anstrengend ist es trotzdem, weil man auch wieder auspackt, Wäsche wäscht, wieder neu packt. Waschen muss man auch mal unterwegs, aber man fragt sich nicht “Was packe ich jetzt wieder ein?” Wir Mädels neigen ja schon dazu wieder zu denken “nehme ich dieses Mal etwas anderes mit?” Und ich weiß gar nicht, wie oft ich schlussendlich diesen Backpack neu gepackt habe. Es wäre vielleicht etwas leichter gewesen, die Sachen vom Anfang gleich drin zu lassen.

Sebastian: Das stimmt auf jeden Fall. Der große Vorteil ist natürlich gewesen, dass du, wenn du von irgendwo warmen im sommerlichen Europa nach Grönland gereist bist, dann wirklich die ganzen Sommersachen zuhause lassen konntest und die Wintersachen reinpacken konntest.

Nicole: That’s right.

Sebastian: Aber würdest du sagen, dass das das Anstrengendste war auf deinen Reisen oder findest du einen anderen Aspekt noch anstrengender?

Nicole: Es ist ja immer so, dass alle neidisch gucken und denken, es wäre gar nicht anstrengend, aber du hast es schon im Intro gesagt – ich finde Reisen tatsächlich sehr anstrengend. Natürlich im positiven Sinne, aber trotzdem. Was super anstrengend ist, ist das Schlafen in Hostels. Ich bin kein guter Schläfer und wenn da irgendwie sechs Typen um mich herum gerade Schnarchen, weil du dir lieber das günstige gemixte Mehrbettzimmer ausgesucht hast, dann kann das enorm anstrengend sein.

Ich habe da auch so geile Begegnungen gehabt, wo ich in Prag dummerweise ein Hostel gebucht habe, das für’s Partymachen bekannt war. Nur mir war es nicht bekannt. Und dann hat tatsächlich einer nachts versucht besoffen in mein Bett einzusteigen. Bis ich ihn dann wieder raus gejagt hatte und ihm erklärt habe, dass es nicht sein Bett ist… also solche Nächte sind schon echt kräftezehrend und das hat man dann auch nicht nur einmal, sondern man schläft ja immer wieder woanders. Man muss immer wieder mit seinem Zeugs weiterziehen und man muss immer wieder neue Locations finden. Das Finden ist manchmal auch echt anstrengend oder das Suchen und Finden.

In Japan beispielsweise, wo das mit der Schrift einfach ganz schwierig ist und man Straßenschilder nicht lesen kann und auch solche netten Tools wie Maps mir nicht gut funktionieren. Da war ich dann auch bei der sechsten Location total entnervt, weil ich einfach dieses Hostel nicht finden konnte und dann kriegt man auch mal richtig schlechte Laune. Dann hat es noch angefangen zu regnen und solche Momente sind dann eben auch anstrengend, auch auf Reisen.

Sebastian: Jo, die kenne ich! Das stellt man manchmal alles in Frage, wegen so Kleinigkeiten, ne?

Nicole: Ja, ich meine, du weißt schon, dass es trotzdem geil werden wird.

Sebastian: Ja, das vergisst man in dem Moment aber auch so gerne. In dem Moment ist man einfach nur wirklich was man immer sein sollte, in dem Moment und dieser Moment ist einfach scheiße!

Nicole: Und der Backpack scheuert und es ist nass und du denkst dir “Verdammt nochmal, das kann doch nicht so schwer sein”.

Sebastian: So. Ich möchte jetzt einfach nur noch nach Berlin! Und hier ist jetzt einfach überhaupt nicht cool. Das verstehe ich sehr, sehr gut liebe Nicole. Das geht mir so ständig auf Reisen. Ich habe oft auch immer so Momente und wir machen das jetzt seit fünf Jahren und dieses ständige Locationwechseln, mal immer ganz kurz irgendwo hinkommen, was so eine Art Homebase ist, aber eigentlich auch nicht wirklich und dieses ständige verreisen und der Akt des Reisens, also fliegen, Busfahren, Autofahren, Bahnfahren, Hotel suchen, das ist super nervig.

Nicole: Ja, absolut. Und wenn dann mal was nicht funktioniert und du musst gucken, ob du deinen Anschluss bekommst oder man will mal wieder mehr Geld für dein Gepäck am Flughafen haben – das sind so die Momente, da knirscht man dann schon mal mit den Zähnen.

Sebastian: Ja auf jeden Fall. Du hast aber auch unglaublich tolle Dinge auf deinen Reisen erlebt. Es ist ja nicht alles nur so grau gewesen, wie zum Beispiel dort in Japan, als du die Unterkunft gesucht hast. Was waren deine Highlights auf den Reisen?  

Nicole: Oh, da gibt es so viele! Ganz, ganz unterschiedlich. Die Highlights waren auch bedeutend mehr, als die kleinen fiesen Momente. Es fängt an bei so Sachen wie andere Kulturen erleben und Gastfreundschaft. In Japan zum Beispiel hat es mich unheimlich beeindruckt, dass jedes Mal, wenn wir verzweifelt gesucht haben, auch irgendwo ein Japaner war, der uns gerne helfen wollte. Ganz egal, ob die Englischkenntnisse gut waren oder nicht. Dann hat man halt das iPhone gezückt und hat uns irgendwie zum Ort gebracht und teilweise wirklich hinbegleitet und noch an der Rezeption geholfen. Das war schon richtig, richtig toll. Sowas sind tolle Erlebnisse, die man sich auch einfach merkt. Gar nicht im Sinne von man hat etwas ganz tolles unternommen, sondern man nimmt das mit und denkt “Mensch, ich muss in Berlin jetzt auch mal wieder netter zu den Touristen sein”, weil ich habe das selbst so genossen. Das vergisst man manchmal, wie toll das ist, wenn einer einen einfach aufnimmt und hilft.

Sebastian: Das ist so eines dieser Dinge, die ich auch nach jeder Reise – und ich erinnere mich noch an einen bestimmten Moment, 2010, wo ich gesagt habe, ich muss viel netter zu den Leuten sein, die Deutschland besuchen. Weil wir das alles so als selbstverständlich nehmen. Und dann steht da irgendwie jemand an der Straßenkreuzung in Berlin-Kreuzberg und schaut blöd in eine Karte rein und du läufst einfach dran vorbei und denkst dir so “Spinner… noch einer”. Das passiert manchmal im Alltagsstress. das ist auch so ein Ding, wo ich gemerkt habe, die Leute sind so nett auf der Welt, wir müssen da mal mehr tun.

Nicole: Definitiv. Seitdem mache ich das auch viel, viel häufiger. Man weiß ja selber, wie es ist, wenn du unterwegs die Sprache nicht richtig verstehst oder irgendwas nicht lesen kannst. Das ist auch so eine Erkenntnis vom Reisen – wir hören immer so viele Schreckensnachrichten und das ist auch alles ganz grausam, was man hört, aber an sich ist die Welt gut und die Menschen sind auch gut. Ich habe nur positive Begegnungen gehabt und die paar, die vielleicht nicht so toll waren oder wo ich dachte “Meine Güte, das war kurz vor knapp”, die hätten mir hier genauso passieren können. Das hat gar nichts mit den Ländern zu tun wo ich war. Durchweg kann ich sagen, dass ich überall richtig tolle Menschen kennengelernt habe. Das ist auch etwas, was ich mitgenommen habe, nämlich wieder eine positivere Einstellung zur ganzen Welt zu haben. Das klingt fast etwas esoterisch und das meine ich damit gar nicht, aber dass man einfach wieder ans Gute glaubt und dass das auch vorhanden ist.

Sebastian: Ja, ich versteh das total.

Nicole: Da kommen einem gleich die Tränen. Da gab es natürlich auch Highlights, die wirklich Momente waren. Also Dinge, die ich mich einfach getraut habe. Ich habe schon immer paragliden wollen, obwohl ich richtig Schiss vor Höhen habe. Ich habe echt Höhenangst. Das war früher schon mit einer einfachen Leiter im Wohnzimmer schwierig. Da habe ich mich irgendwann mal überwunden, aber jede Treppe, die aus Gittern besteht und wo man zum Boden gucken kann; jeder Turm ist so ein Ding, da kriege ich schon einen halben Schweißausbruch.

Sebastian: Kenne ich! Ich habe Line hier, die ist genauso.

Nicole: Das ist grausam! Das versteht auch keiner, wenn er es nicht selber hat, glaube ich. Aber komischerweise habe ich immer gedacht, paragliden müsste total geil sein, weil ich unbedingt mal dieses Fliegegefühl haben wollte und ich habe mir eingebildet, wenn man paraglidet dann hebt man langsam ab, man stürzt nicht runter. Und das ist für jemanden mit Höhenangst eine leichtere Vorstellung.

Sebastian: Das hast du dir aber ordentlich eingeredet. Das ist nämlich nicht so.

Nicole: Man muss sich das einfach nur lange genug selber sagen, dann klappt das auch. Aber tatsächlich war das auch so. Ich habe mir das vorher in der Schweiz rausgesucht. Ich wusste ich wollte in die Schweiz und im Grindelwald kann man ganz toll paragliden, weil man wirklich an den Bergen dran ist und der Ausblick einfach bombastisch ist. Dann habe ich das gebucht und gedacht “Das machst du jetzt!” Also buchen heißt auch machen. Das ist auch nicht so günstig, also ziehst du das durch. Da war ich auch alleine unterwegs und dann guckt einen auch keiner an, der weiß, dass man angst hat. Man ist ja alleine, da gibt es keinen, der das weiß. Man muss dann selbst entscheiden “Mache ich das oder mache ich es nicht?” Und ich habe mir die ganze Zeit einfach gesagt “Das machst du jetzt, denke nicht darüber nach, du machst das jetzt!”

Ich hatte auch einen super tollen Lehrer, dem ich das ein bisschen gesteckt habe, dass ich noch nicht weiß, ob ich nicht oben gleich total die Panik kriegen würde und er hat es total locker genommen und gemeint “Nee, das wird total geil” und tatsächlich. Das ging so ratzfatz. Wir waren in der Luft und ich habe echt kurz einen Panik- und Freudenschrei zeitgleich von mir gegeben und dann ist man irgendwie auf 1.000 Metern und denkt nur “Oh mein Gott, ich mache das gerade wirklich, das kann doch gar nicht wahr sein”. Und das war natürlich total klasse. Ein riesen Kribbeln und das war mit einer gewissen Angst verbunden, aber gar nicht so schlimm wie ich dachte und viel geiler war es einfach zu denken, du fliegst direkt neben den Bergen und unter dir ist das Tal. Es sieht einfach so unfassbar schön aus und du machst das jetzt gerade. Ich war bombastisch stolz auf mich und kann das echt nur jedem empfehlen, einen Schritt zu machen, den man vielleicht sonst nicht machen würde. Für gewöhnlich belohnt einen das Leben dann doch eher, als dass es einem eine Negativerfahrung bringen würde.

Sebastian: Sehr geil! Da hast du aber Glück gehabt. Ich bin nämlich letztes Jahr in Südtirol paragliden gewesen und Line ist vor mir gesprungen und geflogen und war eine halbe oder dreiviertel Stunde unterwegs und dann war ich dran und dann war keine Thermik mehr da und wir sind innerhalb von fünf Minuten diesen Berg runter gesaust und haben einen Höhenunterschied hingelegt, der hat sich also…. das war echt krass. Ich dachte “Alter, bin ich so schwer?!”

Nicole: Oh Gott, das hätte mir dann wieder Angst gemacht.

Sebastian: Ja, aber zum Glück hast du eine gute Erfahrung gemacht. Aber ich wollte mal kurz zurückkommen auf das andere, was du vorhin gesagt hast: Das Positive, was du in den Alltag mit integriert hast. Wie lange bist du jetzt zurück?

Nicole: Ich bin am 26. August gelandet, also 3 Wochen.

Sebastian: Gar nicht mal so lange her. Aber merkst du schon, dass du anders bist? Dass du diese Kleinigkeiten, die du auf Reisen gesehen und gelernt hast, jetzt mit in den Alltag einbringst und vielleicht nicht mehr so schnell sauer auf die deutsche Bürokratie bist oder nicht mehr so schnell genervt bist und dass du Dinge wertschätzt, die vorher normal waren?

Nicole: Ich würde sagen ja. Ich glaube nicht, dass es einem das gesamte Leben umkrempelt. Ich werde mir jetzt nicht einen kleinen Biogarten anlegen und in Peace & Love leben. Ich muss schon noch mein Geld verdienen und ich muss auch irgendwie in dieser normalen Gesellschaft klarkommen. Aber es haben sich tatsächlich ein paar Sachen geändert. Ich nehme Sachen auf der Arbeit ein bisschen gelassener, wo man sich vielleicht vorher aufgeregt hätte zumindest innerlich. Das nehme ich nicht mehr für so wichtig, weil mir viel mehr bewusst geworden ist, dass das auch nur ein ganz kleiner Mikrokosmos ist in der großen weiten Welt und eben nicht alles. Genauso geht es mir auch, wenn ich morgens zum Beispiel in Berlin mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Dann regen mich die Leute viel weniger auf, die an einem vorbeiziehen, wieder bremsen, wieder vor einem stehen; die Dinge, die einen früher wahnsinnig gemacht haben, lassen mich total kalt. Ich gehe positiver an Dinge heran, ich bin freundlicher zu Touristen, ich freue mich über ein richtig geiles deutsches Frühstück.

Sebastian: Ich habe darauf gewartet, dass du das sagst. Das deutsche Frühstück ist einfach so geil. Ich sitze hier gerade in Costa Rica, ich war in Nicaragua, ich war in Kanada gerade auf dieser Reise. Wir fliegen noch nach Ecuador nächste Woche und das Frühstück ist einfach nicht vergleichbar. Es ist einfach im Vergleich – wenn man es vergleichen würde – ist das Frühstück einfach scheiße und in Deutschland einfach geil.

Nicole: Das ist so fies, sowas zu sagen oder? Man freut sich natürlich, wenn man irgendwo ist, wo es so geiles, exotisches Obst gibt oder auch Pancakes sind mal einen Tag lang geil, aber Wurst und Käse und Brötchen finden halt auch nur die Deutschen gut und das genieße ich schon sehr.

Sebastian: Ich esse seit einer Woche Reis mit Bohnen.

Nicole: Hmmmmm.

Sebastian: Mit gebratenen Bananen, die sind eigentlich lecker, aber das typische Tico Frühstück oder das typische nicarense Frühstück ist einfach nicht so meins.

Nicole: Soll ich dir ein Vollkornbrot schicken?

Sebastian: Schick rüber, jaaaa. Mit ordentlich viel Wurst. Ja, aber das sind so die Kleinigkeiten. Zum Beispiel als wir letztens wieder ganz kurz – wir waren nur zwei Tage in Deutschland zwischen zwei Reisen und da bin ich in den Rewe gegangen und dann gab es in dem Rewe…. also, der war sooo groß und es gab so eine riesen große Auswahl und es gab ungelogen 100 verschiedene Gin-Sorten, in einem ganz normalen Supermarkt. Das findest du eigentlich nirgendwo auf der Welt.

Nicole: Ja, das ist auch mein liebster Supermarkt. Ich stand vor dem Gemüseregal, nachdem ich aus Grönland wiederkam, wo ja alles importiert wird und ich dachte, ich weine gleich. Man freut sich auch über Äpfel, du.

Sebastian: Ja, das sind so die Kleinigkeiten, die man irgendwann wertschätzt und wenn man es schafft, dieses Gefühl länger als drei Wochen beizubehalten und weiß “Damals, als ich dort war…”, das gibt es in anderen Ländern vielleicht gar nicht. Wir haben es hier so gut. Jetzt gar nicht mal dieses esoterische Zeugs, sondern einfach nur “Hey, wir haben es gut!” und das, was uns die ganzen Medien versuchen zu erzählen und dieses ganze AfD-Getue, was hier gerade in Deutschland ist, diese ganzen Angst- und Schreckensnachrichten, die überall zu lesen und zu hören sind, das ist einfach alles Bullshit. Und das finde ich, ist das Gute am Reisen, da kannst du uns jetzt mal deine Meinung sagen, wie du das durch deine Reisen aufgenommen hast, aber uns geht es in Deutschland super gut und die Welt ist ein toller Ort, egal wo du bist.  

Nicole: Unterschreibe ich mehrfach, absolut. Man bekommt einen anderen Blick auf’s eigene Land, wenn man mit Leuten aus anderen Ländern spricht. Zum einen habe ich super viel Bewunderung für Deutschland entgegengebracht bekommen, was das Thema Umweltschutz, Umgang mit Energien und sowas angeht. Klar, das hört man hier auch ständig, aber das ist einem gar nicht so bewusst, wie weit wir da eigentlich vorne sind und in was für einem Land wir eigentlich leben. Das vergisst man immer wieder.

Genauso, gerade wenn man mit Leuten aus Südamerika oder so spricht, dann merkt man erst mal, wie unglaublich sicher hier alles ist. Auch wie frei man als Frau sein kann. Ich bin als Frau alleine gereist, ich war alleine in China und ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, ob das irgendwie eine schräge Idee ist oder nicht, weil ich so aufgewachsen bin, dass ich weiß: Ich bin sicher.

Und jetzt werden einige vielleicht die Nase rümpfen, aber ich bin ein Großstadtkind. Ich bin in Berlin groß geworden und natürlich haben wir hier auch Ecken, die nicht besonders geil sind und nachts vielleicht auch nicht die aller sichersten. Mir ist toi, toi, toi noch nie etwas passiert und ich fahre auch nachts um 2 Uhr mit meinem Fahrrad nach Hause und das ist für mich mein normales Verkehrsmittel und in anderen Ländern wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Da würde man denken, ich bin suizidgefährdet. Also uns geht es hier unfassbar gut.

Natürlich haben nicht alle das gleiche Einkommen und natürlich gibt es auch Leute, denen es im Verhältnis weniger gut geht, aber trotzdem haben wir ein Gesundheitssystem, was funktioniert und wir haben Supermärkte, die sind reich bestückt und wir werden uns nicht überlegen müssen, ob wir morgen das gleiche Produkt kaufen können wie heute, weil vielleicht das Schiff nicht anlegen konnte, weil alles vereist war und wir mitten im Winter sind.

Wir haben im Prinzip keine Erdbeben und solche Geschichten. Wir sind in einem Land, wo Freiheit, Gesundheit und solche Dinge unglaublich gut funktionieren oder gegeben sind. Und das vergisst man ganz oft, weil wir es einfach haben. Das stimmt schon. Das sind auch Sachen über die man, wenn man viel reist, sich auch bewusster und wieder viel dankbarer dafür wird.

Sebastian: Sehr schön gesagt! Und mit diesen Worten beenden wir diese Folge. Ich finde, du hast das gerade wirklich sehr schön gesagt und das ist genau meine Meinung. Durch diese ganzen Reisen wird man weltoffener. Das ist das Gute an den Reisen. Und man sieht Dinge mit anderen Augen und das ist so, so wichtig in der heutigen Zeit. Besonders, wenn manche Parteien in Deutschland besonders viel Zuspruch gewinnen, wovon ich hoffe, dass niemand der hier gerade zuhört, irgendetwas davon gewählt hat.

Nicole, vielen, vielen Dank!

Nicole: Ich habe zu danken, es war sehr lustig mit dir!

Sebastian: Fand ich auch, es hat Spaß gemacht! Dafür, dass es so spontan war. Für alle, die hier zugehört haben: Es war eine Sache von fünf Minuten “Hey Nicole, hast du Zeit?” “Jo” und dann ging es los. Also, ich fand das war eine super Folge. Ich danke dir vielmals für deine Zeit, dass du diese ganzen Fragen beantwortet hast und für den ganzen Input, den du uns gegeben hast. Ich wünsche dir einen wunderschönen Nachmittag.

Nicole: Danke, dir auch.

Sebastian: Bis bald.

Nicole: Bis dann, ciao.

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2 Kommentare zu „Podcast: Auszeit vom Job und Rückkehr nach Deutschland mit Nicole Bittger

  1. Nicole von CicoBerlin on

    Wie cool, dass der Podcast schon online ist! Es hat mir große Freude mit dir gemacht, Sebastian. Und ich hoffe, du hast inzwischen mal wieder ein vernünftiges Frühstück genießen können;) Viele Grüße aus Deutschland
    Nicole von CicoBerlin

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