Mach jeden Tag zu deinem Abenteuer!

Zwischen Christbaum und Moscheen.

Vorweihnachtszeit in Deutschland. In Großstädten heißt das vor allem Folgendes: eine endlose Dauerschleife von WAM’s Last Christmas, schokoladige Hügellandschaften aus Nikoläusen und Nougat Kugeln, Schnee-Regen-Gestöber, eine Schlacht der Einkaufstüten ,die an den Hindernisparcours aus Takeshi’s Castle erinnert, der Kampf gegen Knoten im Geschenkband, Lichterketten und Kerzenschein, Weihnachtsmänner, Rentiere und Engelchen an den Fensterscheiben und -simsen, der Geruch von gebrannten Mandeln, Liebesäpfel und Creps mit Kinderschokolade, Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt und damit auch Glühweinflecken auf hellen Wintermänteln. Das „Fest der Liebe“ erfreut nicht nur die Zuckerjunkies und tragischer Weise das Hüftgold ob der Leckereien und Plätzchenteig-Naschereien wachsen, sondern lässt neben Weihnachtsglöckchen auch die Kassen der Geschäfte klingeln .

Die Besinnlichkeit der Weihnachtszeit hat im Großstadtdschungel das Nachsehen, ebenso wie die religiöse Bedeutung. Maria und Josef oder das ein oder andere Weihnachtsengelchen gibt es höchstens als Promoter der hübschen Parfumfläschchen oder den extraweichen Kuschelsocken.

Istanbul Christmas

Eigentlich hatte ich mich gefreut, dieses Jahr dem Trubel zu entkommen und in einem muslimischen Land zu sein. Kein Weihnachten? Weit gefehlt.

Istanbul bestätigt seinen Ruf als Stadt der Gegensätze einmal mehr. Es gibt viel mehr als ich gedacht hätte, man kann sich der Weihnachtsstimmung nicht entziehen. Zimt ist ohnehin ein Standardgewürz und die Zuckerbäcker zaubern unglaublich gute Plätzchen. Besonders die großen Hotels, internationalen Geschäfte und Ketten fahren hier ordentlich Weihnachtsdekoration auf. Die sowieso schon prächtige ganzjährige Beleuchtung wird um ein paar Kilometer Lichterketten und Blinkgedöns aufgestockt, sodass sie auch wirklich mit der Schatzkammer des Sultans um die Wette hätten strahlen können. Die kreativen Straßenverkäufer, die ja eh immer alles verkaufen was nicht Niet und Nagelfest ist, bieten noch mehr funkelndes und grell blinkendes Zeug an als sonst. Die Maronen-Männer und das übliche Gedränge auf der Istiklal tun ihr Übriges, damit ein Hauch von Weihnachtsmarktstimmung aufkommt.

So viele Merkmale eines christlichen Festes in einem muslimischen Land sind schon verrückt. Der Mischmasch aus Religionen ist in Istanbuls Historie verankert. Nehmen wir mal die Hagia Sofia als Beispiel. Gebaut worden ist sie als byzantinische Kirche, später würde sie dann in eine Moschee umfunktioniert und heute ist sie ein Museum damit sich ja keine Religion benachteiligt fühlt. Heiligabend und Weihnachten sind in der Türkei ganz normale Tage, allerdings ist der Noel Baba von Bedeutung. Er ist der heilige Nikolaus von Myra, im Süden der Türkei. Für die weltlich eingestellten Türken verkörpert er die Tradition sich am Silvesterabend zu beschenken und das neue Jahr zu feiern. Gefeiert wird Weihnachten in den christlichen Gemeinden und von den aus christlichen Ländern stammenden Einwohnern der großen internationalen Community der Stadt. Die Botschaften laden zum Adventsessen ein und die Hotelketten und Geschäfte schmücken für die Touristen und inszenieren ein türkisches Fest. Willkommen in der globalisierten Welt J

Und so ist es auch fast schon wieder normal, wenn ich bei Starbucks zwischen Weihnachtskugeln und Tannenzweigen sitze, einen Christmas Blend-Kaffee trinke, Weihnachtsmusik spielt und draußen vor dem Fenster der Muezzin zum Gebet ruft. Oder wenn ich, wie gerade, bei Ümit an der Ecke sitze und in Ruhe eine leckere Mercimek Corbasi (=türkische Linsensuppe) löffele, einen Türk Kahvesi im süßen Tässchen vor mir stehen habe und aus den Boxen vom Garagenladen nebenan erst irgend so ein Casting-Pfuzi trällert und jetzt WAM „Last Christmas“ anstimmt.

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