HEIMATLOS FÜHLEN: EIN LEBEN OHNE EIN ZU HAUSE

Strand - Sardinal District

// Als Anchu mich vor ein paar Monaten anschrieb, dass er über eine Heimatlosigkeit schrieben wollte, habe ich direkt JA gesagt. Ich erkenne mich oft selbst in seiner Geschichte, da auch ich viel rumgekommen bin und nirgendwo richtig zu Hause bin. Ich bin selbst auf Mallorca aufgewachsen und dann mit 13 nach Österreich und Deutschland gezogen wo ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Mittlerweile habe ich in über 8 Ländern gelebt und so richtig zu Hause bin ich halt doch nirgendwo!  //

Wenn Menschen erfahren, dass ich fünf Sprachen fließend spreche, wollen sie unbedingt wissen, wie ich das gemacht habe. Meine Antwort ist immer diesselbe:

„Ich bin deutscher, bin in Spanien aufgewachsen, habe ein Austauschjahr in Italien gemacht und fast ein Jahr in Brasilien gelebt.“

Ergibt: deutsch, spanisch, italienisch und portugiesisch. Und englisch hab ich dann nebenher irgendwie gelernt.

„Wow! In so vielen verschieden Länder gelebt zu haben und mit diversen Kulturen in Kontakt zu kommen, ist bestimmt faszinierend und spannend.“

Ja das ist es auf jeden Fall. Man verändert und entwickelt sich als sehr, denn man erweitert seinen Horizont – sei dies nun gewollt oder nicht. Allerdings hat die Medaille in meinem Fall auch eine Kehrseite, die kaum einer sieht: Ich bin heimatlos.

Ich bin nirgendwo so richtig zu Hause

Was ich mit Heimatlos meine? Ich fühle mich nirgendwo so richtig zu Hause. Ein bisschen fühle ich mich in Berlin heimisch, wo ich geboren bin und studiert habe. Ein bisschen fühle ich mich im Allgäu zu Hause, weil dort meine Mutter und meine Geschwister wohnen und ich dort immer Weihnachten verbringe (außer letztes Weihnachten, da war ich in Uruguay).

Ein bisschen fühle ich mich aber auch in Spanien heimisch, schließlich habe ich dort von meinem neunten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr gelebt – die komplette, sehr prägende Jugend also. Aber auch in Italien fühle ich mich ein bisschen zu Hause. Ich fühle mich dort nämlich pudelwohl und ich liebe das Land, die Leute und die Kultur. Und Brasilien? Du kannst es dir sicher denken: genau, auch dort ein wenig.

Ja, ich passe mich sehr schnell an und mache durch meine Offenheit rasch Kontakte. Ich lebe mich somit immer sehr zügig ein, ziemlich egal wo es mich gerade hinzieht. Das ist schön, das ist aufregend, das ist spannend.

Aber wenn ich mal zu Ruhe komme, wenn ich mir mal Zeit für mich nehme, nachdenke, grübel und in mich gehe, dann fühle ich mich vor allem verloren.

Ich fühle mich dann ein bisschen wie ein kleines Kind im Spielzeugladen, dass seine Mutter aus den Augen verloren hat. Es ist zwar alles unheimlich aufregend, aber eigentlich will es nur eins: seine Mama. Egal wie aufregend und toll die Dinge sind, manchmal sehnt man sich nur nach dem Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit – einem Zuhause eben.

In solchen Momente wünsche ich mir, ich gehörte irgendwo hin. Ich möchte dann das Gefühl haben, ich könnte jederzeit nach Hause zurück. Zurück zu meinen Wurzeln.

Aber ich habe nirgendwo meine Wurzeln. Nicht in Spanien, nicht in Italien, nicht im Allgäu. Am ehesten noch in Berlin, wo ich viele gute Freunde habe. Aber auch dort nicht wirklich.

Dies macht bedrückt mich manchmal und wie schon beschrieben, ich fühle mich dann etwas verloren in der großen weiten Welt. Wahrscheinlich sind auch meine Beziehungen zu Frauen deshalb immer so intensiv. Denn jede Frau, mit der ich etwas mehr Zeit verbringe und mit der ich mich gehen lasse, wird ein bisschen wie ein zu Hause für mich.

Das Positive an dem heimatlos sein

Jedoch will ich mich nicht beklagen. Den das heimatlos sein hat natürlich auch eine sehr positive Seite, die ich über alles liebe: die Freiheit und die Ungebundenheit.

Selbst wenn viele die finanziellen Möglichkeiten hätten um immer auf Achse zu sein und um die Welt zu reisen, sie würden es wahrscheinlich nicht tun. Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschen die von einer Weltreise oder ähnlichem träumen, nur Sonne, Meer und Strand im Kopf haben. Alles erscheint ihnen rosarot – wie wenn man Hals über Kopf verliebt ist und keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Jedoch heißt viel zu reisen vor allem eins: loszulassen, nicht hinterherzutrauern und im Hier und Jetzt zu leben. Und das geht besonders gut, wenn man sich nirgendwo so richtig zu Hause fühlt. 

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14 Kommentare

  1. Hey, ja, wir hatten ja kurz drüben gesprochen. Finde das Thema und diesen Artikel sehr spannend. Auf meinem Blog kommt bald ein ähnlicher Artikel und da hab ich mich an unser Gespräch erinnert, Anchu. Danke dir und Sebastian!

    Freue mich, wenn ihr dann vorbeischaut und euch reinlest. Vielleicht ist das für euch auch von Interesse.

    LG

  2. HAllo, ich kann mich sehr stark wiederfinden in diesem Artikel und wuerde mich sehr gerne mit dem/ der Autor/in darueber austauschne. Wie stelle ich das an? Danke fuer Eure Tipps! Bin keine Bloggerin und kenn mich damit nicht aus, ich moechte einfach nur kommunizieren…

  3. Ich kenn das. Als Pole in Deutschland und als Deutscher in Polen wurde mir meine Heimat stets abgesprochen. So lange, bis ich es zu schätzen gelernt habe. Seitdem liebe ich den Gedanken, dass ich ein Reisender bin – im wörtlichen wie im bildlichen Sinne.

  4. Hallo Anchu. ich probiere es hiermit nocheinmal eine Antwort von Dir zu bekommen. wie finanzierst Du Deine heimatlosigkeit? Mit Makrame? Aushilfskellner? Strassenkünstler? oder hast Du für jeden Kontinetn eine Arbeitserluabnis um legal zu arbeiten? Ich frage das aus gegebenem Grund weil ich seit 1 Jahr in BRASilen bin und hier nicht legal arbeiten darf, soir rchtig. Einziger Ausweg wäre KInd oder Heirat und das kommt für mich nicht in Frage. Also ich bin gespannta uf Deine Tipps bzw Erfahrungen! Danke schonmal. Grüsse aus BAHIa

  5. Ich sitze gerade in Deutschland und gucke von der Couch aus durch das Fenster. Draußen ist diese typische Sonntagsstimmung. Eine Art depressiver Schleier, der sich über die ganze Stadt legt und so manche Sonntage unerträglich macht. Gerade im Winter, wenn alles Grau und so still ist. Immer wenn es Sonntag ist und ich in Deutschland bin, kommen mir auch ähnliche Gedanken.

    Und manchmal frage ich mich dann, wie es uns „Heimatlosen“ wohl in ein paar Jahren ergeht und was passiert, wenn man irgendwann – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr so oft, wie man es vielleicht gerne hätte, verreisen kann weil man irgendwann doch zumindest etwas sesshafter werden „muss“ um eine Familie etc zu gründen oder einen Traum verfolgen will, der dann doch einen festen Ort benötigt oder man schlicht und einfach älter wird… Und dann bekomme ich Angst. Angst, weil ich erstens nicht wüsste, für welches Land ich mich entscheiden würde und zweitens Angst davor, dass ich dann „gefangen“ wäre.

    Ich habe eine Zeit lang versucht eine Art Mittelweg für mich zu finden und etwas sesshafter zu werden und die meiste Zeit über in Deutschland zu wohnen. Ich habe alles mögliche probiert und bin über fünf mal umgezogen. Nichts hat geklappt, leider. Und mit der Psyche ist es in der Zeit ziemlich bergab gegangen. Irgendwann habe ich dann angefangen wie eine Wahnsinnige alles zu verkaufen und zu verschenken, um mich nicht mehr gefangen und von den Dingen um mich herum besessen zu fühlen, bis die nächste große Reise bevor stand und ich endlich wieder gehen konnte.

    Nun lebe ich gerade hauptsächlich in Thailand und es ist zwar anders aber doch verblassen die alte Muster auch nicht ganz – werden sie wohl nie, sehe ich gerade ein.

    Dieses Gefühl von Verlorenheit lässt einen nicht los manchmal. Es wäre spannend, sich damit zu befassen und darüber zu lesen, wie man damit umgeht und was viele andere „Heimatlose“ tun, wenn sie sich mal wieder so fühlen und wie sie über die Zukunft denken.

    Jedenfalls, danke für diesen Post. Er hat mir zumindest schon mal das Gefühl gegeben, doch nicht ganz allein zu sein und somit diesen Sonntag schon etwas erträglicher gemacht.

  6. Ja das kenne ich, weil meine Eltern beide nicht aus dem deutschen Land der Träume kommen. Sie haben davon geträumt und viel gegeben sogar verleugnet. Meine Mutter sowieso da Sie als damals Spataussiedler aus Schlesien 1967 kamen und Sie sofort von meiner nazi Oma ins Internat zum deutsch lernen geschickt wurde. Ich frage mich ernsthaft warum ich heule wenn ich an die ungarische Landschaft denke wo wir oft waren da mein Vater sein Vater da her kommt aber wegen der Russen nach Österreich mit der Familie floh. Keiner hat mir vorgelebt was Heimat ist und ich schwimme hier in Deutschland rum, haue immer wieder ab aber mit zwei kleinen Kindern war das als alleinerziehende Mama echt schwer genug. Ich bin mittlerweile krank geworden, denke das liegt daran dass ich gegen meinen Drang des umherziehens wie meine ungarischen Ahnen wehre. Gib mir ein Wohnwagen und ich bin tatsächlich glücklich. Traurig so zu leben wie ich lebe, vielleicht schaff ich es noch mal mit dem Wohnwagen und ich zieh los, denn das ist meine Heimat. Mehr brauche ich wirklich nicht zum glücklich sein. Aber das versteht die Deutsche Seele die sich meine Familie aufgedrückt hat nicht.

    1. Hallo Gerlinde,
      bei Deinem Ausspruch „gib‘ mir einen Wohnwagen und ich bin tatsächlich glücklich“ musste ich lächeln ….da hast Du etwas angesprochen was auch ich ‚tief‘ in mir fühle, aber mich nicht traue wirklich zu leben …immer tausend ‚wenn und aber‘ …. vielleicht gibt es einfach Menschen mit ‚Nomadenseelen‘ , die Ihre Heimat in sich finden wenn sie frei umherziehen ‚duerfen‘ …warum trauen wir uns nicht ? …klar beruflich schwierig ….ich muss arbeiten und mir eine Rente ‚verdienen‘ … Du hast Kinder, die in die Schule müssen ….der ‚Druck‘ sich etwas ‚aufzubauen‘?….Danke Du hast meinen inneren Wunsch wieder aufwachen lassen ….ich überlege jetzt ernsthaft wie ich ihn umsetzen kann …sende Dir liebe Grüße und drück Dir die Daumen, dass auch Du Deinen Wuenschen näher kommst und sie sehr bald umsetzen kannst.

  7. Keine Heimat zu haben hat tatsächlich einige Vorteile! Man ergreift Chancen einfach dort, wo sie sich ergeben, weil man nicht darauf wartet, dass sie vor der eigenen Haustür liegen. Dadurch hat man ein sehr aufregendes und intensives Leben mit immer wieder neuen Abenteuern, erfüllt sich Träume (die andere eben nur träumen).
    Aber manchmal, wenn man müde wird zwischendurch, dann wünscht man sich einen Ort, an dem man einfach ankommen und verschnaufen kann. Den gibt es dann leider nicht, aber man kann ein Stück davon in sich selbst und in Menschen finden, die einem nahe stehen, in Ritualen, in Lieblingsgerichten – einfach in allem was einem vertraut ist 🙂 Ich glaube Heimat ist nicht nur eine Adresse, sondern vieles mehr.
    Übrigens: Wunderschöne Fotos!

  8. Hey, ich dachte immer das ich die einzige bin mit den Gefühlen. Ich fühle mich nirgends zu Hause oder gebunden. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, mit ausländischen Wurzeln.
    Wir sind öfters umgezogen, nach Jordanien, Ägypten, Städte und Schulen habe ich gewechselt. Ein richtiges zu Hause hatte ich nie.

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