Die Krux des Reisebloggens

Viele denken, dass es keinen besseren Job geben kann, als Reiseblogger zu sein. Viele meinen, wir Reiseblogger reisen einfach nur um die Welt, berichten dann über unsere Erlebnisse, laden ein paar Bildchen bei Instagram hoch, schreiben hier und da mal einen Facebook-Post und machen uns sonst weiter keine Gedanken um das Leben. Aber das ist falsch. Sowas von falsch.Im Gegenteil: du glaubst gar nicht, was für Gedanken wir Reiseblogger uns machen, was für Gedanken ich mir mache, und welche Gewissensbisse mich plagen. Ja, Gewissensbisse. Denn ganz so leicht fällt mir das Reisebloggen nicht und ich habe sogar schon ein paar Mal darüber nachgedacht, ganz damit aufzuhören.Was für Gedanken so in meinem Kopf rumschwirren und warum ich mich dennoch dazu entschieden habe, weiter zu bloggen, teile ich in den nächsten, ziemlich persönlichen Zeilen mit dir….

a.k.a. das Dilemma eines Reisebloggers

Der Job des Reisebloggers

Ja, es ist toll, Reiseblogger zu sein. Ich liebe das Reisen, ich liebe es, in fremde Kulturen einzutauchen, Abenteuer zu erleben und jedes Mal aufs Neue über mich hinauszuwachsen. Für mich gibt es nichts Besseres, als unvergessliche Erfahrungen zu sammeln und jeden Morgen aufs Neue mit einem Grinsen im Gesicht aufzuwachen und zu überlegen, was der Tag wohl dieses Mal für mich zu bieten hat. Denn letztendlich geht es mir genau darum: Jeden einzelnen meiner Tage zu einem Abenteuer zu machen und mein Leben wirklich zu leben!Als Reiseblogger habe es mir zur Aufgabe gemacht, dich und all meine anderen Leser dazu zu inspirieren ebenfalls zu verreisen, das gemütliche Sofa zuhause zu verlassen und andere Länder zu entdecken. Denn ich bin der Meinung, dass es keine bessere Uni gibt als das Reisen. Nur wenn du dich mit deinem Rucksack aufmachst und andere Lebensweisen und vor allem andere Sichtweisen kennen lernst, wirst du schlauer. Schlauer über die Menschen, schlauer über die Natur, schlauer über dich selbst.Und nur wenn du dich Herausforderungen stellst und dich auf das Abenteuer einlässt, kannst du über dich selbst hinauswachsen. Deshalb liebe ich die Möglichkeit, die mir mein Blog gibt. Die Möglichkeit, dich zu motivieren, deine Träume ebenfalls zu leben und geniale Erfahrungen zu sammeln, hinaus in die Welt zu gehen, und diese wirklich zu erleben.Aber mir geht es nicht darum, dass du wie ein Tourist von einem Ort und einer Attraktion zur nächsten rennst. Mir geht es darum, dass du als Reisender die Welt entdeckst. Ich will dich nicht an Orte schicken, zu denen dich jeder Reiseführer schickt. Ich will dir ganz besondere Orte zeigen, Orte, die noch größtenteils unentdeckt sind, und wo sich nicht jeden Tag hunderte von Touristen durchquetschen.Krux des Reisebloggens

Die zwei Seiten des Tourismus

Denn um ehrlich zu sein, hasse ich den Tourismus. Ich hasse es, was er einigen Orten, der Natur und den Menschen antut. Tourismus bedeutet für mich oftmals mehr Schlechtes als Gutes. Natürlich schafft der Tourismus Arbeitsplätze, gibt Menschen ohne Alternativen einen Job und ein geregeltes Einkommen, gibt Hoffnung. Und natürlich schafft er mancherorts einen höheren Lebensstandard oder deckt Missstände auf, die gleichzeitig behoben werden können.Es entstehen vermehrt Naturschutzgebiete und Nationalparks, die bedrohte Tierarten und besondere Pflanzenwelten schützen. Der Tourismus sorgt dafür, dass Traditionen bewahrt werden und im Zuge der Globalisierung nicht verschwinden. Er sogt dafür, dass die Menschen stolz auf ihr Land, stolz auf ihre Kultur sind und schafft oftmals ein neues, kulturelles Bewusstsein. Nicht zu vergessen die ganzen historischen Denkmäler und Bauten, die dank des Tourismus erhalten bleiben und nicht sich selbst und ihrem Verfall, ihrem langsamen Verschwinden überlassen werden.

Was ist der Preis?

Aber um welchen Preis? Dafür, dass tausende Touristen auf einen Schlag von einem riesigen Kreuzfahrtschiff runter laufen und die kleine Stadt Venedig binnen weniger Minuten überrennen? Dafür, dass vietnamesische Tänzer mehrmals täglich eine Show bieten, um Touristen zu entertainen und ihnen einen ach so authentischen Einblick in ihre Kultur zu geben? Dafür, dass das einst so friedliche Ubud auf Bali heute voller Touristen, Hippies, Yogasüchtigen und Vaganern ist, die nach Julia Roberts Film Eat Pray Love in Scharen einströmen und dafür sorgen, dass typisch balinesische Warungs durch teure, roh-vegane Restaurants oder das 15.000ste Yogastudio ersetzt werden? Dafür, dass sich mancherorts nun an jeder zweiten Ecke ein Starbucks und ein McDonalds befindet, damit Touristen auf bekannte Marken, ach so guten Kaffee und Burger selbst mitten in China nicht verzichten müssen?Dafür, dass sich Einheimische nicht mehr leisten können, in ihrer eigenen Stadt zu leben und essen zu gehen? Dafür, dass sie ihre Natur, ihre kulturellen Schätze mit anderen teilen müssen, die nur kommen, um mal eben ein Foto zu machen und diesen Ort von ihrer Reiseliste streichen zu können? Dafür, dass einst unberührte Natur zu Müllhalden werden, weil Touristen zu faul sind, ihre leeren Verpackungen, ihre Dosen und ihre Wasserflaschen wieder mitzunehmen? Dafür, dass Touristen auf den Ruinen Angkor Wats rumkrakseln und mit jedem Tritt mehr und mehr zerstören als dass sie durch das Geld für ihre Eintrittskarte jemals bewahren könnten? Mal ganz abgesehen von dem fehlenden Respekt, der dadurch ganz klar zum Ausdruck kommt…Ich weiß nicht, aber ich finde es oftmals schlimm mit anzusehen, was der Tourismus der Natur, den Menschen und der ganzen Welt teilweise antut. Das ist auch der Grund, warum ich Touristen-Hochburgen und Mainstream-Orte vermeide, warum ich lieber in der Nebensaison reise und mich nicht auf TripAdvisor informiere, warum ich meine Reisen selbst organisiere und keine Pauschal-Angebote buche oder gar in “5-Sterne all inclusive Resorts” absteige. Ich reise auch nicht mit Koffer und 30 Kilo Gepäck, sondern lieber ganz minimalistisch mit meinem Handgepäcks-Rucksack und 12 Kilo, inklusive meinem Laptop, mehreren Kameras und sonstiger Elektronik.

Die Philosophie von Off The Path

Aber viel mehr ist es der Grund, warum Off The Path heißt, wie es heißt, und warum ich eben nicht darüber schreibe, welche Top-10-Sehenswürdigkeiten du in Paris unbedingt gesehen haben solltest. Denn zum einen findest du diese Infos in jedem Reiseführer und auf auf jeder x-beliebigen Seite, und zum anderen bin ich der Meinung, dass das Abklappern solcher Attraktionen eben nichts mit wahrem Reisen zu tun hat.Ich meine, was bringt es dir, zwei Stunden Schlange zu stehen, um einmal ein Original-Bild von van Gogh live in Amsterdam gesehen zu haben? Was hast du dann wirklich von der Stadt gesehen, und was von dem Land, den Menschen und der Kultur erfahren? Klar, wenn du ein absoluter Kunst- und van Gogh-Fan bist, ist das eine andere Geschichte, aber das Museum zu besuchen, nur weil es zu den Top-Attraktionen gehört? Ich weiß nicht…Statt auf der ganzen Welt irgendwelche Top-XY-Listen abzuhaken, lasse ich mich auf Reisen lieber treiben, spaziere ohne Plan durch Städte und entdecke so zum Beispiel richtig schöne Plätze, leckere Restaurants, in denen authentisch lokale Küche serviert wird und wo auch Einheimische um dich herumsitzen, oder gemütliche Cafés, die wirklich guten Kaffee zubereiten und nicht die überteuerte Milchplörre von Starbucks.Außerdem bin ich ein Abenteuerjunkie und liebe den Nervenkitzel. Mir irgendwelche Kunstwerke in riesen Hallen ohne Tageslicht anzuschauen, befriedigt mich nicht so sehr, wie echte Erfahrungen und tatsächliche Erlebnisse, wie zum Beispiel mit wilden Delfinen in Kaikoura schwimmen zu gehen, eine Walking Safari in Südafrika zu machen, in Südtirol Mountainbike zu fahren oder in Kiel Kitesurfen zu lernen.Und genau darum geht es auch auf Off The Path. Ich will dich nicht zum nächsten Museum oder zur nächsten Top-Attraktion schicken, ich will dir Orte zeigen, die noch unbekannt sind, die echt sind, und an denen du nicht in den Massen von Touristen untergehst. Ich will, dass du Abenteuer erlebst, über dich selbst hinauswächst und wirklich reist, ein Land, seine Menschen und ihre Kulturen wirklich kennen lernst.Krux des Reisebloggens

Das große Dilemma

Doch ich stecke fest. In einem Dilemma.Denn so sehr ich mein Leben, meine Arbeit als Reiseblogger liebe, so sehr ich es liebe unbekannte Orte zu entdecken und über diese zu schreiben, Tipps für coole Erlebnisse abseits der Mainstream-Wege zu geben und dich und andere Leser zu inspirieren, so sehr hasse ich auch den Gedanken, dass eben diese Orte durch mich, durch meine Berichte und Tipps, die ich gebe, bald nicht mehr zu den ruhigen und unberührten Oasen gehören, die sie waren…Und es sind nicht nur meine Berichte, auch die Tipps anderer Reiseblogger führen dazu, dass immer mehr Menschen abseits der gängigen Pfade unterwegs sind und dass diese Pfade bald ebenfalls ziemlich totgetrampelt sind. Und diese Vorstellung macht mir Angst, macht mich krank, macht mich wütend.Ja, wütend. Wütend auf mich selbst, wütend, dass ich ebenfalls dazu beitrage, dass der Tourismus Orte zerstört. Das, was ich so sehr hasse, unterstütze ich doch durch mein eigenes Tun selbst. Ich gehöre zu denjenigen, die dafür sorgen, dass nun neben Kuta auch Canggu von Touristen überrannt wird. Ich war es unter anderem, der allen erzählt hat, wie toll Tonsai Beach in Krabi ist, um Ende vorletzten Jahres festzustellen, dass die kleine Bungalow-Unterkunft und meine geliebte Strandbar nun abgerissen werden, damit ein großes Luxus-Resort an diesem einst paradiesischen Strand hochgezogen werden kann.Um ehrlich zu sein, weiß ich einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Natürlich ist es weit hergeholt, dass ich kleiner Blogger dafür sorge, dass einst unentdeckte Orte nun dem Massen-Tourismus verfallen, aber ich trage doch meinen Teil zu dieser Entwicklung bei. Immerhin erreiche ich im Monat 150.000 Leser und es werden immer mehr. Ja, es hat einen Einfluss, wenn ich überall und andauernd erzähle, wie toll dieses Fleckchen Erde namens Canggu auf Bali doch ist.Denn es hört schließlich nicht bei meinen Erzählungen und meinen eigentlichen Lesern auf. Ich bin mir sicher, dass auch du deinen Freunden von meinen Tipps erzählen würdest, genauso wie es andere Leser tun. Und so erreiche ich durch Word of Mouth noch viel mehr Menschen als die, die sich tatsächlich meine Beiträge auf Off The Path durchlesen. Diese Freunde erzählen es dann wiederum ihren Freunden und Bekannten, und so geht es endlos weiter. So werden aus 10 Leuten, schnell mal 50 Leute, die nun nächstes Jahr nach Canggu fliegen, eben weil sie durch mehrere Ecken von mir und anderen Bloggern von diesem tollen Ort erfahren haben.

Einfach nicht mehr bloggen?

Aber was soll ich tun? Soll ich nun ganz mit dem Reisebloggen aufhören?Ich habe wirklich schon ein paar Mal mit dem Gedanken gespielt, einfach gar keine Tipps mehr für coole Orte zu geben. Die Orte, die ich entdecke, einfach für mich zu behalten, und mich zu freuen, dass ich sie überhaupt gefunden habe.Aber irgendwie wäre das auch nicht richtig. Ich meine, schließlich ist es doch das, was mich so erfüllt: andere zum Reisen zu inspirieren, ihnen zu zeigen, dass es auch andere Orte abseits der Massen an Touristen gibt, und dass es nichts Besseres gibt, als sich ins Unbekannte, ins Abenteuer zu stürzen und über sich selbst hinaus zu wachsen. Schließlich gibt es Menschen wie dich und mich, die genauso keinen Bock auf Massentourismus haben und auf von Touris überrante Orte, die mehr und mehr an ihrem eigentlichen Charme verlieren und deren Seele langsam stirbt.

Meine Hoffnung und mein Wunsch als Reiseblogger

Und irgendwie habe ich die Hoffnung, dass ich durch meine Beiträge und Geschichten immer mehr Menschen überzeugen kann, dem Pauschal- und Massentourismus ebenfalls den Rücken zu kehren und endlich anzufangen, richtig zu reisen. Endlich zu verstehen, dass die netten Tanzeinlagen in Vietnam nichts mehr mit tatsächlicher, kultureller Tradition zu tun haben, sondern eine einzige Show sind, dass das billige Essen im einfachen Straßenrestaurant tausend Mal besser schmeckt, als jeder Big Mac, dass es nicht in Ordnung ist, auf Ruinen rumzutrampeln, seinen Müll liegen zu lassen, und sich respektlos zu verhalten.Und mal ehrlich: Sollte ein wirklicher Yogi seinen Übungen nicht auch in jedem beliebigen Zimmer nachgehen, seinen Frieden überall finden können und dafür keine riesen Yoga-Tempel brauchen, die wie die Pest überall aus dem Boden stampfen? Und nein, auch in Ubud sind diese Yogazentren nicht Teil der dortigen Kultur, oder gar ein Ort, an dem sich Einheimische zusammenfinden würden.

Nur bewusstes Reisen ist wahres Reisen

Ich wünsche mir einfach, dass das Bewusstsein vieler endlich aufwacht, dass endlich kapiert wird, dass es der lokalen Gemeinde reichlich wenig bringt, wenn du eine Woche in einem 5-Sterne-Resort abtauchst. Denn das Geld, das du bezahlst, sehen nicht unbedingt die Einheimischen, sondern die Manager der großen, internationalen Hotelketten, die oftmals in Amerika oder Europa sitzen. Klar, du unterstützt so die Entstehung von Jobs, aber du würdest viel mehr bewirken, wenn du in kleinen Unterkünften übernachtest, die von Einheimischen geführt werden, und in Restaurants essen gehst, die ebenfalls einheimische Besitzer haben.Denn so sorgst du dafür, dass nicht noch ein weiteres Resort gebaut wird, dass nicht noch mehr Einheimische ihr Land verpachten oder gar verkaufen, ihr einstiges Leben aufgeben und aus ihrem Heimatort wegziehen müssen, weil sie sich ihr Leben vor Ort so nicht mehr finanzieren können.Ich bin der Meinung, dass wir kulturelle Schätze und die Natur nur bewahren können, indem wir bewusst und achtsam reisen, langsam reisen, indem wir wirklich reisen. In dem wir “off the path” gehen und nicht irgendwelche Top-Attraktionen abklappern oder in Massen von Touri-Gruppen von einem Ort zum nächsten hetzen.

Warum ich nie mit dem Reisebloggen aufhören werde!

Und aus diesem Grund werde ich nie mit dem Reisebloggen aufhören. Ich werde weiterhin über tolle Orte berichten, die noch kaum ein Reisender entdeckt hat. Ich werde andere Menschen weiterhin inspirieren, ebenfalls zu reisen, Abenteuer zu erleben und zu lernen, worum es im Leben wirklich geht. Ich werde weiterhin betonen, wie schlecht Pauschaltourismus ist, und wie wichtig es ist, bewusst zu reisen, eben ein Reisender und kein Tourist zu sein.Denn nur so habe ich die Chance, dem Massentourismus den Kampf anzusagen, das Gute am Tourismus zu fördern, mehr Menschen zu echten Reisenden zu machen und die Welt so – das ist jedenfalls mein heimlicher Traum – ein klein wenig besser zu machen.
Sebastian Canaves
Sebastian Canaves - Reise
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