Warum wir auf Reisen nicht immer alles mit einander vergleichen sollten!

Was ist deine bisher schönste Reise, was dein krassestes Abenteuer? Was dein absoluter Lieblingsort auf dieser Welt? Solche Fragen entgegnen mir als eine, die dauernd in der Weltgeschichte unterwegs ist, sehr oft. Um ehrlich zu sein, hatte ich bis jetzt auch immer sofort eine Antwort parat. Aber mir ist eins bewusst geworden: Wir sollten uns diese Fragen nicht stellen.Warum? Weil wir mit jeder Antwort etwas kaputt machen. Ein Land nicht für das schätzen, was es ist, ein Erlebnis nicht so erleben, wie sie sich uns präsentiert. Mit diesen Fragen fangen wir an, Erfahrungen mit einander zu vergleichen. Erfahrungen, die wir nicht mit einander vergleichen sollten und eigentlich auch nicht mit einander vergleichen können.

Warum wir auf Reisen (und auch sonst im Leben) nicht immer alles mit einander vergleichen sollten

Alles wird miteinander verglichen

Wir Menschen neigen dazu, alles miteinander zu vergleichen. Kameras, Bücher, Universitäten, Städte, Länder, Menschen und sogar die Liebe. Ich erwische mich ständig dabei, wie ich denke “Das ist fast so schön wie in Kapstadt hier” oder “Das Auto ist viel cooler als das andere” oder auch “Der ist ja viel netter als der Typ von gestern”.Wir machen das, um die Welt einzuteilen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Wir haben gelernt, die Welt in Vergleichen zu sehen und auch so zu beschreiben. Manchmal macht dies auch Sinn, gerade wenn es um Gegenstände und ihre Funktionalität geht, oder wenn es sich um tatsächlich messbare Werte handelt wie die Höhe zweier Berge oder der Preisdurchschnitt eines Landes.Natürlich lassen sich die Eigenschaften und Maße eines Rucksackes messen und mit dem anderer vergleichen. Doch am Ende zählt nicht, ob dieser laut den Zahlen der leichteste und funktionalste auf dem Markt ist. Am Ende zählt, ob er zu dir passt, ob er sich für dich angenehm tragen lässt, ob du ihn bequem findest. Ähnliches gilt für Kameras: Der eine findet die Bedienung der Kamera einfach, der andere viel zu komplex. Bei vielen Gegenständen zählt letztendlich auch die persönliche Erfahrung und die lässt sich nur schwer bis gar nicht vergleichen.Und wie sieht es nun bei Ländern aus? Natürlich lässt sich sagen, dass die Strände in Südafrika viel weißer sind als die in Costa Rica, oder das Blau der Gletscherseen in Kanada viel beeindruckender ist als das der Bergseen in den Alpen. Wobei auch das nicht ganz richtig ist. Denn jeder von uns nimmt Farben anders wahr: Für den einen sind sie intensiver als für den anderen, für den einen ist es ein Türkis-Blau, für den anderen ein Hellblau. Auch hier ist es wieder eine Frage der subjektiven Wahrnehmung.

Jede Erfahrung ist anders

Und genau das ist der springende Punkt: Jede Reise, jedes Abenteuer ist eine Erfahrung. Und Erfahrungen haben immer etwas mit Emotionen zu tun. Jeder Mensch fühlt anders, denkt anders und nimmt die Welt um sich herum anders wahr. Für mich ist es genau das, was die Welt ausmacht, was uns Menschen ausmacht: unsere Andersartigkeit.Und genauso wie wir Menschen, ist auch jedes Land anders. Länder lassen sich also schon per se nicht vergleichen, außer natürlich in ihren Zahlen wie der Fläche, der Länge der Küste oder der Einwohnerzahl. Aber die Kultur eines Landes lässt sich nicht mit der eines anderen vergleichen und umso weniger lässt sich vergleichen, wie wir diese wahrnehmen.Wir erleben auf Reisen viel Neues, müssen oftmals unsere Grenzen überwinden und lernen uns selbst besser kennen. Jede Reise ist somit auch ein kleiner Selbstfindungstrip, der uns näher zu uns selbst bringt. Manchmal kann dies eine wunderbare Erfahrung sein, manchmal ist sie aber auch mit vielen Ängsten und unbequemen Erkenntnissen verbunden.Und das, was bei einer Reise in dir vorgeht, ist jedes Mal ein ganz neuer Prozess. Denn mit jeder Reise änderst du dich selbst und somit ändert sich auch deine Wahrnehmung. Deine Wahrnehmung von dem, was du erlebst, und von dir selbst.Während ich letztes Jahr im Sommer zum Beispiel noch tierische Angst hatte, als Sebastian und ich in Südtirol auf den Paternkofel hochgeklettert sind und mir auch beim Besteigen des Kitzsteinhorns in Österreich im Winter danach fast in die Hosen gemacht hätte, war es nun überhaupt kein Problem für mich den Klettersteig in Banff in Kanada zu bezwingen. Meine Angst war so gut wie weg und ich hatte das erste Mal so richtig Spaß beim Klettern.Aber war diese Erfahrung deshalb besser? Nein, denn sie war ganz anders. In Südtirol und Österreich musste ich meine Ängste so richtig überwinden, wurde danach aber mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl belohnt. Dafür hatte ich nun in Banff eine Menge Spaß und war super stolz auf mich, keine Höhenangst mehr zu haben. Selbst jetzt versuche ich diese Erfahrungen miteinander zu vergleichen, aber der Vergleich macht einfach keinen Sinn.

Jeder Mensch erlebt anders

Wenn du Sebastian nun fragen würdest, wie er diese drei Abenteuer empfunden hat, wird er dir sicherlich etwas ganz anderes erzählen. Denn im Gegensatz zu mir kennt Sebastian keine Angst und macht sich erst recht nicht so viele Gedanken über das, was alles passieren könnte, wie ich. Deshalb macht es noch weniger Sinn, eigene Erfahrungen mit denen anderer zu vergleichen.Für den einen bedeutet es eine riesen Überwindung, unter Krokodilen bei Nacht in den Everglades kajaken zu gehen, dem anderen macht es einfach nur einen riesen Spaß. Für den einen war es schon immer mal ein Traum, eine Walking Safari zu machen, mitten in der Wildnis Afrikas zu zelten und beim Gebrüll der herumstreifenden Löwen einzuschlafen, für den anderen ist dies der reine Albtraum.Genauso wenig, wie du also deine eigenen Erfahrungen mit einander vergleichen kannst, kannst du deine Erfahrungen nicht mit denen anderer vergleichen. Oder besser: Du solltest deine Erfahrungen nicht vergleichen.

Das gefährliche an Vergleichen

Denn das gefährliche an Vergleichen ist, dass sie mehr kaputt machen, als dass sie helfen. Indem wir anfangen zu vergleichen, fangen wir automatisch an unsere Erfahrungen zu bewerten. Auf einmal war der Roadtrip durch Neuseeland viel schöner als der durch Westaustralien. Heißt das nun, dass die Zeit in Westaustralien schlecht war? Eigentlich nicht, aber durch solche Aussagen machen wir sie im Nachhinein schlecht.Auf einmal war die mehrstündige Wanderung hoch zu einer Berghütte in den Lofer Steinbergen ein Klacks im Vergleich zu der krassen Kanufahrt auf dem reißenden Athabasca River in Kanada. Bedeutet das nun, dass die Wanderung eigentlich gar nicht anstrengend war und dass wir uns viel zu sehr angestellt haben? Nein, denn als wir sie unternommen haben, war sie tatsächlich so: anstrengend und wirklich nicht einfach. Nur durch den Vergleich mit der Kanufahrt wird sie im Nachhinein zu einer Erfahrung, die der Rede eigentlich nicht wert ist.Und genau das ist das Problem: Wir machen Erfahrungen schlechter, degradieren sie förmlich. Wir vergessen, was wir wirklich erlebt haben. Vergessen, wie toll eine Reise eigentlich war, wie gut uns das Land wirklich gefallen hat und was wir Geniales erlebt haben.

Es muss immer besser, schöner, krasser sein

Unser ewiges Vergleichen führt dazu, das wir jedes Land, jede kostbare und doch eigentlich einmalige Erfahrung einer anderen gegenüberstellen. Somit steht jede Reise immer im Wettbewerb mit einer bereits erlebten und gleichzeitig auch mit jeder, die in Zukunft noch auf uns wartet.Wir wollen mehr: Es muss noch schöner, noch besser, noch krasser sein. Die nächste Wanderung muss uns noch mehr an unsere Grenzen bringen, der nächste Strand noch schöner sein, die nächste Aussicht noch atemberaubender. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo es nicht mehr weiter geht. Wo uns kein noch schönerer Strand mehr begegnet, wo uns keine Aussicht mehr umhaut und keine Wanderung mehr reizt.Denn irgendwann gibt es keine Steigerung mehr, irgendwann haben wir den Superlativ erreicht – und dann? Was ist, wenn wir das krasseste Abenteuer bereits erlebt, den schönsten Strand bereits gesehen haben? Was beeindruckt uns dann wirklich noch? Was und vor allem wie erleben wir dann unsere Reisen?

Wir leben nicht mehr im Moment, sondern schwelgen in Erinnerungen

Die Antwort ist einfach und zugleich erschreckend: Wir können unsere Erfahrung nicht mehr wirklich genießen. Wir leben nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern schwelgen in Erinnerungen. Wir vergleichen unsere Erfahrungen ständig mit solchen, die wir bereits gemacht haben. Wir nehmen Dinge nicht mehr so wahr, wie sie wirklich sind.Ständiges Vergleichen macht uns zu Verneinern. Wir reisen nicht mehr wirklich, wir hören auf zu erleben, hören auf zu leben. Wir sind nicht mehr wirklich zufrieden zu stellen und suchen vergebens unser Glück. Dabei ist es direkt vor uns, in jedem Moment, in jeder Sekunde, die wir leben.

Weniger vergleichen, mehr leben!

Für mich steht eins fest: ich möchte nicht mehr vergleichen, ich möchte leben. Ich möchte Momente, Reisen, Länder, Abenteuer und alle meine Erfahrungen im Leben so wahrnehmen, wie sie sind und sie nicht mit anderen Erfahrungen vergleichen. Denn diese Vergleiche führen zu nichts – im Gegenteil: Sie machen alles kaputt.Länder und Reisen miteinander zu vergleichen ist unfair, genauso wie es unfair ist, Menschen miteinander zu vergleichen. Denn all dies sind Erfahrungen, persönliche Erlebnisse, die nur wir so erfahren und wahrnehmen, wie sie sind. Emotionen, Gefühle, Glück und Frustration. Und auch diese Emotionen fühlen sich für jeden von uns anders an und lassen sich nicht vergleichen.Ab sofort möchte ich diese Fragen deshalb nicht mehr beantworten. Für mich gibt es kein schönstes Land, keine tollste Erfahrung, kein krassestes Abenteuer mehr. Denn ich möchte nicht mehr vergleichen. Ich möchte erleben, ich möchte leben. Und ab sofort werde ich jedes Land, jede Erfahrung so nehmen wie sie ist.Und wenn doch jemand auf eine Antwort besteht, dann ist mein Lieblingsort die Welt und mein krassestes Abenteuer das Leben.
Line Dubois
Off The Path: Eine Reiseanleitung zum Glücklichsein - Sebastian Canaves
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