Es ist inzwischen eine kleine Tradition. Seit vier Jahren sitze ich jeden Sommer für ein paar Tage mit dem Gravelbike in Österreich, und jedes Mal lerne ich ein Land kennen, das ich vorher zu kennen glaubte. Nach Vorarlberg und Tirol, dem Salzburger Land, Oberösterreich und Niederösterreich war in diesem Jahr der Süden dran.
Warum ausgerechnet Spielfeld und Spittal? Ganz ehrlich: wegen der Bahnhöfe. Ich plane meine Abschnitte längst nicht mehr nach Bundeslandgrenzen, sondern nach Anreise. Spielfeld-Straß und Spittal-Millstättersee liegen beide direkt an der Bahn, und dazwischen liegen ziemlich genau vier Radfahr-Genuß.
Der Abschnitt selbst hat zwei Gesichter, und die könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Steiermark ist Weinberge, Buschenschank-Landschaft und ein Anstieg, der es in sich hat, dazu ziemlich viel Asphalt. Kärnten ist der Gegenentwurf: ein Flussradweg, auf dem du einfach rollst, vergleichbar mit dem Inntalradweg oder dem Donauradweg, nur eben mit ständigem Blick auf die Berge. Beides zusammen ergibt eine Tour, die deutlich entspannter ist, als der Name Gravel Austria vermuten lässt und dennoch genauso schön wie alle anderen Abschnitte bisher.
Und dann ist da noch etwas, das mir erst aufgefallen ist, weil ich inzwischen so viele Abschnitte kenne. Der Westen Österreichs ist zum Radfahren so gut ausgebaut, dass du praktisch nichts planen musst. Du fährst los und findest immer eine Hütte, ein Zimmer, einen Supermarkt. Der Osten ist das Gegenteil, sehr einsam, wenig Auswahl, ohne Vorausplanung wird es zäh. Der Süden liegt genau dazwischen, und das ist ehrlich gesagt der angenehmste Zustand von allen. Es gibt genug Restaurants, Unterkünfte und Tankstellen entlang der Route, um spontan zu bleiben, aber es ist keine Überfülle. Du triffst Entscheidungen, statt aus einem Katalog auszuwählen.
In Zahlen: 246 Kilometer, 2.113 Höhenmeter, vier Fahrtage. Über die Hälfte der Höhenmeter steckt allein im ersten Tag.
ca. 83 Kilometer | 05:00 Fahrzeit | 1.061 Höhenmeter
Dieser eine Tag ist der gesamte Steiermark-Teil meiner Route. Und er ist gleichzeitig der anstrengendste der ganzen Tour. Über die Hälfte aller Höhenmeter der vier Tage stecken hier drin, was du nach dem Frühstück noch nicht ahnst, weil es so freundlich losgeht.
Von Ehrenhausen an der Weinstraße geht es direkt hoch nach Gamlitz. Und mit hoch meine ich hoch. Die Südsteirische Weinstraße ist landschaftlich das, was alle Fotos versprechen: Rebzeilen bis zum Horizont, kleine Höfe an den Hängen, dazwischen Kellerstöckl. Was auf den Fotos fehlt, ist die Steigung. Die Straßen hier gehen nicht um die Hügel herum, sie gehen drüber. Mit Gepäck am Rad bin ich auf diesem Abschnitt mehrfach abgestiegen und ein Stück geschoben, und ich sage das ohne jede Scham. Es ist wunderschön, und es ist Arbeit.
Weiter geht es über Leutschach an der Weinstraße nach Eibiswald. In Eibiswald hatte an diesem Tag praktisch alles zu. Das Gartenhotel Klöpferkeller, das mir vorher empfohlen worden war, hatte Ruhetag. Die anderen Gaststätten ebenfalls. Mein Mittagessen war also der Billa, und gegessen habe ich auf dem Parkplatz davor.
Tipp: Ruhetage sind in dieser Ecke kein Randphänomen. Schau vorher nach, oder hab einen Riegel zu viel dabei. Der Billa in Eibiswald ist übrigens der letzte verlässliche Versorgungspunkt vor dem Pass.
Hinter Eibiswald beginnt der eigentliche Anstieg zum Radlpass, und der hat mit der Weinstraße nichts mehr zu tun. Die Route verlässt den Asphalt und zieht querfeldein durch ein Waldstück nach oben. Kein technisches Gelände, aber ordentlich Höhenmeter am Stück, und nach den Hügeln des Vormittags ist davon nicht mehr viel übrig. Auch hier bin ich geschoben. Es ist der einsamste Teil des Tages und gleichzeitig der, an den ich mich am deutlichsten erinnere.
Oben an der Passhöhe wechselst du nach Slowenien, und dann kommt die Belohnung. Eine lange, wunderschöne Abfahrt auf der Bundesstraße hinunter nach Muta. Guter Belag, weite Kurven, Blick ins Drautal. Nach dem Vormittag fühlt sich das an wie ein anderes Rad.
Ab Muta bist du an der Drau, und ab hier ist der Tag vorbei, auch wenn noch Kilometer fehlen. Du rollst flach am Fluss entlang, über Dravograd zurück nach Österreich und weiter bis Lavamünd. Diese letzten Kilometer sind der Übergang zwischen den zwei Gesichtern dieser Tour. Hinter dir liegen die Weinberge, vor dir liegt Kärnten, und die Drau, die dich von jetzt an bis zum Schluss begleitet, hast du gerade zum ersten Mal gesehen.
Übernachtung: Gasthof Torwirt, Lavamünd, 70 Euro. Ein Einzelbett, eine Dusche, nicht mehr und nicht weniger. Nach diesem Tag genau richtig.
ca. 37 Kilometer | 02:20 Fahrzeit | 417 Höhenmeter
Der zweite Tag ist mit Abstand der kürzeste, und im Rückblick war das die beste Entscheidung der ganzen Tour. Von Lavamünd folgst du dem Lavanttal und kommst ins Jauntal, und du merkst sofort, dass sich der Charakter geändert hat. Kein Pass mehr, keine Rebhänge, sondern breite Täler, Blick auf die Berge und ein Radweg, der einfach funktioniert.
Wenn du im Hochsommer unterwegs bist, ist ein bewusst kurzer Tag hier keine Schwäche, sondern Planung. Es gibt auf dieser Route wenig Schatten, und die Landschaft läuft dir nicht weg.
Am Ende des Tages wartet das sehr entspannte Völkermarkt.
Übernachtung: Smarthotel Völkermarkt, 90 Euro, mitten im Ort. Klimaanlage. Bei über 30 Grad war das jeden einzelnen Cent wert.
ca. 86 Kilometer | 04:10 Fahrzeit | 500 Höhenmeter
Wenn du wissen willst, warum der Kärntner Abschnitt der Gravel Austria zu Unrecht so wenig bekannt ist, dann fahr diesen Tag. 86 Kilometer, aber nur 500 Höhenmeter, und trotzdem wird es keine Sekunde langweilig.
Ab Völkermarkt ist der Drauradweg über weite Strecken geschottert, und zwar in genau der Qualität, die ein Gravelbike liebt. Fest, schnell, gleichmäßig. Du kommst in einen Rhythmus und bleibst darin. Links und rechts der Fluss und die Berge, dazwischen dieses gleichmäßige Knirschen unter den Reifen. Es ist der Abschnitt, für den man diese Räder eigentlich baut.
Ich habe schon einige Flussradwege gefahren, den Inntalradweg, den Donauradweg. Der Drauradweg spielt in dieser Liga, hat aber etwas, das die anderen nicht haben: Er ist nie flach im Sinne von langweilig, weil dich das Bergpanorama die ganze Zeit begleitet. Du fährst im Tal und schaust trotzdem permanent nach oben.
Angehalten habe ich an diesem Tag genau einmal richtig, an der Radlerrast, für einen eiskalten Almdudler.
Am Nachmittag rollst du nach Villach ein, und der Kontrast ist deutlich. Nach zwei Tagen an Fluss und Radweg plötzlich eine echte Stadt mit Kaffeehäusern und Leben auf den Plätzen.
Übernachtung: Hotel Palais 26, Villach, 130 Euro. Sehr zentral, alles fußläufig. Villach ist eine schöne Stadt, und nach so einem Tag ist es angenehm, wenn man abends nichts mehr fahren muss.
ca. 40 Kilometer | 01:45 Fahrzeit | 135 Höhenmeter
135 Höhenmeter auf 40 Kilometer. Der letzte Tag ist kein Tag, sondern ein Ausrollen, und genau deshalb mag ich ihn.
Du folgst der Drau weiter nach Westen, das Tal wird enger, die Berge rücken näher. Es ist der Abschnitt, auf dem du die Tour im Kopf noch einmal durchgehst, während die Beine von allein treten. Am späten Vormittag stehst du in Spittal an der Drau, mit dem Bahnhof direkt vor der Nase.
Und dann ist Schluss. Kein Gipfel, kein Denkmal, keine Basilika wie in Mariazell. Nur ein Bahnhof, ein Kaffee und ein Rad, das gleich in den Zug kommt. Das klingt unspektakulär, und das ist es auch. Aber es passt zu diesem Abschnitt, der nie versucht hat, spektakulär zu sein, und gerade deshalb so gut funktioniert.
Die ehrliche Antwort: weniger, als der Name verspricht, und trotzdem genau richtig.
Die Steiermark ist zu einem großen Teil Asphalt. Offiziell nennt die Österreich Werbung für den gesamten Abschnitt rund 40 Kilometer Schotter gegenüber 125 Kilometern Asphalt, und das deckt sich mit meinem Eindruck. Der einzige echte Gravel-Abschnitt an Tag eins war das Waldstück hinauf zum Radlpass. Der Rest ist Weinstraße und Bundesstraße.
Kärnten dreht das Verhältnis um. Der Drauradweg ist etwa zur Hälfte geschottert, und ab Völkermarkt ist er es fast durchgehend. Das ist der Grund, warum ich diesen Abschnitt weiterempfehle.
Wichtig ist die Art des Schotters. Das hier ist kein wilder Alpingravel wie in Vorarlberg, Tirol oder im Salzburger Land, wo du auf groben Forststraßen und Trails unterwegs bist. Das hier ist fester, gut fahrbarer Untergrund. Normale Gravelreifen mit etwas Profil reichen vollkommen aus. Du brauchst weder besonders viel Volumen noch eine besonders kleine Übersetzung, mit einer Ausnahme: dem Anstieg am ersten Tag. Wenn du dort nicht schieben willst, nimm eine Übersetzung mit, die dir Reserve lässt.
Die Mischung aus Asphalt und Schotter ist übrigens genau das, was diesen Abschnitt trägt. Du wechselst ständig, und dadurch bleibt es abwechslungsreich, ohne je anstrengend zu werden.
Das ist der Grund, warum ich diesen Abschnitt so gefahren bin, wie ich ihn gefahren bin, und für mich der größte Pluspunkt der ganzen Strecke.
Hinweg: Mit dem Nachtzug von Hamburg nach Wien, mit Kabine. Ich habe durchgeschlafen, in Wien gefrühstückt und bin dann über Graz weiter nach Spielfeld-Straß gefahren. Kurzes Umsteigen, keine Hektik. Von Spielfeld sind es nur ein paar Kilometer nach Ehrenhausen, wo meine Tour offiziell begann.
Rückweg: Der Nachtzug war ausgebucht, genauer gesagt waren es die Fahrradstellplätze. Kein Problem. Ich bin mit dem EC von Spittal-Millstättersee nach München gefahren und von dort mit dem ICE weiter nach Hamburg. Alles tagsüber, alles entspannt.
Tipp: Fahrradstellplätze im Nachtzug sind das Nadelöhr, nicht die Betten. Wenn du mit dem Rad im Nachtzug anreisen willst, buch früh. Und wenn es nicht klappt, ist die Tagesverbindung über München wirklich kein Drama.
Genau diese Bahnanbindung macht den Abschnitt so planbar. Du musst dir keinen Rückweg zum Auto überlegen, keine Schleife bauen, keine Logistik organisieren. Einsteigen, fahren, aussteigen.
Meine Anreisenacht, spontan gebucht. Für den Preis ein ausgezeichnetes Verhältnis von Leistung und Kosten. Der Spa ist wirklich gut, das Essen ebenfalls. Wenn du am Vorabend anreist, ist das ein sehr angenehmer Start, bevor es am nächsten Morgen direkt bergauf geht.
Ein Einzelbett mit Dusche. Nicht mehr, nicht weniger. Genau das, was man nach 1.061 Höhenmetern braucht.
Mitten im Ort, mit Klimaanlage. Im Hochsommer ist das kein Luxus, sondern der Grund, warum du am nächsten Morgen wieder fahren kannst.
Sehr zentral, alles fußläufig erreichbar. Villach lohnt einen Abend.
Direkt an der Drau.
Der Almdudler-Stopp an Tag drei. Eiskalt, und genau zur richtigen Zeit.
Wurde mir empfohlen, hatte bei mir Ruhetag. Wenn du es besser triffst als ich, sag mir Bescheid.
Ich war Ende Juni unterwegs, und das war zu warm. Die Route führt über weite Strecken durch offenes Gelände, es gibt wenig Schatten, und der Anstieg am ersten Tag ist bei Hitze deutlich härter, als er sein müsste.
Wenn du die Wahl hast: Mai, Anfang Juni oder September. Die Buschenschänken haben offen, die Weinberge sind schön, und du fährst mit angenehmeren Temperaturen. Im Hochsommer ist die Tour absolut machbar, aber dann plan die Tage kürzer und starte früh.
Mit Spittal endet meine Tour, aber nicht die Gravel Austria Route. Ich habe an beiden Enden etwas ausgelassen, und das sage ich offen.
Im Osten beginnt der offizielle Steiermark-Abschnitt nicht in Spielfeld, sondern in Neustift bei Kapfenstein. Davor liegen rund 80 Kilometer durch das Thermen- und Vulkanland, entlang der burgenländisch-steirischen Grenze über den Thermenradweg, mit Bad Radkersburg und dem Murradweg. Landschaftlich sicher schön, aber überwiegend flach und asphaltiert, und für mich lag der Bahnhof in Spielfeld einfach besser.
Im Westen geht es hinter Spittal weiter zum Millstätter See und dann in den ernsten Teil: Iselsberg, das Mölltal und schließlich die Großglockner Hochalpenstraße hinauf zum Hochtor auf 2.504 Metern. Ab Heiligenblut warten rund 15 Kilometer mit durchschnittlich acht Prozent. Wer die Hochalpenstraße umgehen will, kann die Tauernschleuse mit der Bahn nutzen.
Ich habe mich entschieden, in Spittal aufzuhören, und würde es wieder so machen. Die vier Tage von Spielfeld nach Spittal sind ein in sich geschlossenes Stück. Weinberge, ein ordentlicher Pass, dann drei Tage Fluss. Anfang und Ende an einem Bahnhof. Das ist ein Abschnitt, den du an einem verlängerten Wochenende fahren kannst, ohne dass er sich nach halber Sache anfühlt.
Und wenn du mehr Zeit hast oder gleich die ganze Runde willst: Von Spittal aus rollst du einfach weiter.
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